Mattmoiselle Mayr

Guten Tag. Schön, dass Sie den Weg auf mein kleines Stück Internet gefunden haben. Die Schuhe können Sie ruhig anlassen.

Freundliche Kommentare gescheh’n, ich habs geseh’n

Don’t read the comments. Sagen sie. Denn Kommentare werden nur von Wutbürgern geschrieben und von Arschlöchern. Kein Mensch, der denkt und fühlt, schreibt Kommentare.

So ein Quatsch, denke ich seit diesem Text. So ein Glück, dass ich die Kommentare gelesen habe. Nicht alle. Nicht die, die mit einer Beleidigung anfangen und mit Anweisungen enden. Nicht die, die meinen, meinen Schreibstil bewerten zu müssen oder mein Leben. Aber solche:

Anna, Du (ich bin eine alte Frau, deshalb diese Anrede) hast einen fabelhaften Text geschrieben. Ich habe alles ganz leicht verstanden. Und hätte es selbst niemals so gut ausdrücken können. Ich bin im akademischen Judentum groß geworden, habe aber sofort verstanden, wie es in Deinem Milieu zugegangen ist und wie Du – dank Deiner eigensinnigen und heldenhaften Mutter – geworden bist, was Du bist.

Bei solchen Kommentaren hatte ich Tränen in den Augen. Das heißt noch nicht viel, weil ich oft heule. Aber es bedeutet mir einiges.

Ich bin zu müde und habe zu viele Gedanken aber zu wenig Wert um ernstgenommen und gehört zu werden. Was bleibt ist dass ich nicht will dass es einem andren schlechter gehen muss als mir

JournalistInnen wollen unterhalten, aufregen, berühren. Und vielleicht muss man genau deshalb manchmal Kommentare lesen. Um nicht zu vergessen, wie das ist: berührt werden.

Ich musste mir das Denken selber beibringen, ohne Hilfe meiner Eltern, und wäre in so manche Grube des Lebens nicht reingeplumpst, wenn ich als Kind nicht nur darauf geeicht worden wäre, was sich gehört und was üblich ist.

Ich habe Aufsätze per Mail bekommen voller Gefühle und Wut und Vorschläge, welche Partei ich denn nun wählen soll. Das ändert nichts, aber ich bewundere diese Menschen. Für ihren Idealismus und dafür, wie sehr sie verändern wollen.

Scheinbar hat die Mama, trotz Tattoo, in ihrer Pflicht als Mutter alles richtig gemacht

Man muss sich entscheiden, wem man zuhört. Denen, die viele Ausrufezeichen setzen und den Text, um den es geht, nur halb lesen. Oder denen, die kommentieren, weil sie etwas zu sagen haben, das keine gequirlte Scheiße ist.

Als überzeugter Konservativer/Mitte Rechts oder was auch immer, muss ich gestehen dass mir das Schriftstück unheimlich gut gefallen hat.

Ich hatte Angst, dass Hass zurückkommt. Was kam, war sehr viel Mist und sehr viel Freundlichkeit. Und jedes gute Wort wiegt dabei zehnmal mehr als eine unreflektierte Beleidigung.

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Was ich in drei Monaten an der Journalistenschule gelernt habe – in zehn gifs

1. Streich alles aus deinem Kopf außer Journalismus und atmen.

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2. Alles, was du bisher über Journalismus gelernt hast, ist falsch.

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3. Lerne, wie man mit sehr wenig Schlaf trotzdem außerordentlich viel leistet.

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4. 80 Prozent aller Texte in Zeitungen sind schrecklich geschrieben.

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5. Adjektive sind böse, schlecht und unerwünscht. Und langweilig. Und doof.

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6. Vergiss deine Familie. Die Journalistenschule ist jetzt deine Familie.

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7. Du sollst keine Kontakte außerhalb der Journalistenschule haben. Außnahme: Interviewpartner, Quellen, Kiosk-Verkäufer.

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8. Wer nichts wird, wird Mediencoach.

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9. Du hast keine Zeit, Nachrichten zu lesen, weil du lernen musst, wie man Nachrichten schreibt.

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10. Alle denken, dass du sehr viel kannst, weil du auf einer Journalistenschule bist.

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Wie ich durch Banane-Nutella-Pfannkuchen erwachsen wurde. Ein Bildungsroman.

Es gibt viele Geschichten über meinen Opa, die meisten hat er mir selbst erzählt. Eine ist hängen geblieben. Angeblich hat er mal bei einem Gespräch mit irgendeiner von mir weit entfernten Verwandten gesagt: >Schaff dir ein Umfeld, in dem du leben kannst.< Und am nächsten Tag ist sie von zuhause abgehauen.

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Hello, beauty.

Ich habe Kondensmilch mit Wasser gemischt, um Milch zu simulieren. Ich besitze keinen Mixer und keinen Pfannenwender und eine Pfanne eigentlich auch nicht. Nur einen Wok, in dem alles anbrennt. Es ging trotzdem.

Pfannkuchenbacken ist keine löbliche Leistung. Aber wenn es um Dinge geht, die man mit den Händen macht, bin ich nie über die Reflexionsfähigkeit einer Vierjährigen gewachsen. Was ich selbst erschaffe, finde ich naiv-uneingeschränkt bemerkenswert.

>Schaff dir ein Umfeld, in dem du leben kannst<, das ist so ein Satz, den ich nicht loswerde. Ein Gedankenohrwurm, ähnlich wie >Was zieh ich an, damit man mich besser sehen kann< (Grundschul-Straßenverkehrstraining) oder >Wherefore art thou, Romeo< (Shakespeare) oder >Mayonnaise ist kein Instrument< (Spongebob). 

Und jetzt sitze ich hier, alleine, an einem Montagabend um halb 9 in einer krümeligen Küche. Ertränke Bananenstücke in einem Nutella-See, mit einem Brotmesser, das ich aus der Kölner Uni-Mensa geklaut habe. Beobachte die Familie in der Wohnung gegenüber, was unangenehmer geworden ist, seit ich die Mutter neulich ausversehen komplett nackt gesehen habe. Und sehe ein, dass es das ist; dass Pfannkuchen mit Nutella und Banane das Umfeld sind, in dem ich leben kann.

Klebe-Pärchen auf Konzerten, oder: Bleibt doch zuhause

Wer hat euch gezwungen, hier zu sein. Knapp hundert Euro auszugeben, um in eine Richtung guckend zu erstarren. Wer hat euch beigebracht, dass man als Zweierbeziehung bei Musikbeschallung diese Position einnehmen muss:

Sie vorne, er dahinter. Seine Arme an ihren Hüften oder um ihren Bauch oder irgendwo in Brusthöhe. Vielleicht sein Kinn auf ihrem Kopf, sodass sie aussehen wie ein fleischiger, hautfarbener Marterpfahl. Ihre Arme irgendwo umständlich gefaltet zwischen oder auf seinen. Oder sie lässt die Arme hängen, das hat was von Zwangsjacke und Zwangsjacke hat ja eigentlich was von Geborgenheit.

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Dies ist meine Person, sagen diese Arme. Ich habe sie hierher mitgebracht, damit wir so stehen können. Man berührt sich sonst nicht genug im Alltag, man muss das nachholen, am liebsten in großen Menschenansammlungen. Und jetzt machen wir es uns schön, jetzt schreien wir laut rum mit unserer Körperhaltung WIR SIND ZUSAMMEN UND MIT VIEL GLÜCK SPÄTER NOCH POPPEN.

Auf Konzerten hintereinanderstehen ist wie Kerzen aufstellen und Licht dimmen vorm Oralverkehr, wie aphrodisierende Romantik-Menüs auf Restaurantkarten, wie die Hand auf dem Knie bei der Kuss-Szene im Kino. Triefend prätentiös. 

Niemand kann tanzen, wenn er von hinten fixiert wird.

Niemand kann hüpfen, wenn er gerade eine Hüfte festhält.

Höchstens bescheuertes hin und her schunkeln geht, oder dieses peinliche Mitgewippe aus dem Kniegelenk, das immer ein bisschen nach ADHS aussieht. So hässlich kann man Musik auch zuhause hören.

Deshalb stehen sie in Reih mit Glied dazwischen. Anderthalb Stunden hintereinanderstehen, das schaffen sonst nur Pendler_innen im Regionalexpress.

Es wäre doch logisch, nebeneinander zu stehen. Es wäre logisch, das Gesicht des anderen sehen zu wollen, sich-erblicken-können, bewegen und anschreien und springen. Es wäre logisch, sich des Lebens zu freuen.

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Dieses fallschirm-tandemsprungmäßige Festgehalte ist nichts als ein Rückbleibsel des deutschen Urinstinkts, sich mit ernstem Blick strammstehend aufzureihen. 

Bei den Klebe-Pärchen zuhause am Kühlschrank hängen Konzertkarten, mit scheiß Mallorca-Magneten fixiert, schau mal, weißt du noch, als wir bei Coldplay waren? Nein, weiß ich nicht mehr, aber wahrscheinlich habe ich dagestanden und dich von hinten gehalten und am Ende haben wir uns ins Auto gesetzt und Radio gehört und abends haben wir uns leise gefreut, dass wieder ein Tag vorbei ist, den wir miteinander verbringen mussten.

 

Den Arsch ansprechen: Ein Zug-Drama in drei Akten

Wir finden uns direkt beim Einstieg scheiße. “Kann ich mich da noch hinsetzen?”, frage ich, denn an einem Sonntagnachmittag belegt man im Fernverkehr nicht zwei Sitze mit Rucksäcken. Ich bin ein arroganter Zugfahrer, weil ich viel fahre, quasi professionell. Die zwei Männer, die im Vierer die zwei Fensterplätze belegen, schnauben mich an. Der eine nimmt seinen Rucksack weg, ich knalle meinen Laptop auf das Stück Tisch, das nicht mit leeren Bierflaschen, Äpfeln und einem gigantischen Notebook belegt ist. Ich atme tief ein.

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Ein moderates Exemplar von Sitzgrenzenüberschreitung.

Der Mann, der nun die Ehre hat, neben mir zu sitzen, hat offenbar sehr große Hoden oder einen Penisbruch oder was auch immer dazu führt, dass man mit überaus vulgär gespreizten Schenkeln sitzen muss. “Könnten Sie vielleicht etwas Platz machen?” Frage ich und deute auf sein Knie, das quasi kurz davor ist, in meinen Bauchraum einzudringen. Er schaut vollkommen verdattert. “Ich habe lange Beine!” Sagt er. “Schauen Sie mal, da haben wir etwas gemeinsam.” Sage ich. Schnauben, von beiden Seiten des Tisches. Die beiden waschbärbauchtragenden Arschlöcher beginnen nun, mich laut zu kommentieren: Schnippisch. Unverschämt. Unhöflich. “Wie weit müssen Sie fahren?” Fragen Sie. “Bis zur Endstation.” Sage ich. “Na toll, so eine Scheiße.” Sagen sie.

Nach fünf Minuten ist das Knie von dem Langbeinigen wieder da, wo es vorher war – in meinem Dojo. Ich denke: Tit for tat, Grenzüberschreitung für Grenzüberschreitung. Ich stelle die Aufnahmefunktion auf meinem Handy an und lege es auf den Tisch, um das blöde Gespräch der beiden Arschlöcher aufzunehmen. Just because I fucking can. Über meine minderqualitativen Kopfhörer höre ich so laut schlechten Deutschrap, dass ich mir sicher bin: Es ist belästigend laut für alle Umsitzenden.

Insgesamt verhalte ich mich wohl sehr erwachsen.

Ich bin wütend.

Nach etwa einer halben Stunde Fahrt fliegt mir eine “DB-Mobil” in die Fresse. Der Mann mit den riesigen Hoden, den ich inzwischen Gerd getauft habe: “Tschuldigung, is mir runtergefallen.” Ich drehe mich zu ihm, gucke entgeistert. “WAS DENN, HABEN SIE EIN PROBLEM DAMIT? IS MIR RUNTERGEFALLEN!” Ich sage, dass ich ein Problem damit habe, wenn mir Dinge ins Gesicht fallen.

Jetzt hört uns der ganze Zug zu. 

Die Tonaufnahme meines Handys läuft immer noch. 

Gerd: Ich glaub Sie haben n Lebensproblem haben Sie

Anna: Ja?! Erzählen Sie mir mal mehr darüber, das interessiert mich, welches hab ich denn?

Gerd: Irgendnen Problem haben Sie

Anna: Welches denn?

Gerd: Mit Ihren Mitmenschen oder wat weiß ich, wo Sie nen Problem haben

Anna: Welches denn jetzt speziell? So, was haben Sie jetzt analysiert, aus mir?

Gerd: Sie sind n genervter Mensch. Sie gehen schon genervt auf Ihre Umwelt drauf zu. Sie sind aggressiv hier in diesen Zug reingekommen.

Anna: Woran haben Sie das erkannt?

Gerd: Wie Sie hier reingekommen sind, schon allein das Auftreten das Sie hatten, dass Sie hier sag ich mal genervt mit ihrem Koffer hier ankamen, dass Ihnen das schon nicht gepasst hat dass wir einen Laptop hier drauf hatten, dass ich meinen Fuß eventuell einen Zentimeter in ihrem Bereich hatte, und ganz ehrlich, das is’n ganz komischen, n ganz bescheuertes Verhalten

Anna: Naja, da ist jetzt auch viel was Sie interpretieren, in meine Verhaltensweise…

Gerd: Ich sach Ihnen jetzt nur was über Ihr Verhalten, und ob Ihnen das jetzt…

Anna: Das kommt bei Ihnen so rüber, das ist die Wahrnehmung, die Sie haben

Gerd: Genau und ob Ihnen das passt oder nicht, da müssen Sie mit leben

[Gerd wirkt jetzt unangenehm aggressiv. Ich sehe mich um, ein paar Plätze weiter fange ich den Blick einer Frau ein, die mich wissend anlächelt.]

Anna: Ne das find ich gut. Das ist ja auch eine der zivilisatorischen Grundkompetenzen unserer Gesellschaft, ne, dass wir irgendwie alle unsere Art haben, unser Verhalten, und dass wir irgendwie trotzdem uns miteinander nicht stören, die Freiheit des Einzelnen geht bis dahin, wo die Freiheit des anderen anfängt.

Gerd: Genau!

Anna: Wo würden Sie jetzt zum Beispiel sagen fängt Ihre Freiheit an und meine hört auf, wo habe ich jetzt Ihre Freiheit eingeschränkt?

Gerd: Mit Ihrem Verhalten, mit Ihrem komischen, ganz komisches Verhalten haben Sie, was Sie an den Tag legen.

Anna: …ja…wie schränkt Sie das ein, in Ihrer eigenen Freiheit?

Gerd: Dat nervt. Das ist ganz einfach nervig.

Anna: Ja…Das kann ich sogar….

Gerd: Weil wir sind eine andere Generation. Wir sind ‘ne offene Generation.

Anna: Darf ich fragen wie alt Sie sind?

Gerd: Wie alt wir sind?

Anna: Ja, ich dachte mir dann weiß ich welche Generation…

Gerd: Er ist 51. Ich bin kurz über 40. Und wir sind ‘ne ganz andere Generation, wir sind ‘ne lebensoffene, kommunikative Generation

Anna: Mhm. Und ich komm jetzt wie rüber?

Gerd: Einfach schrecklich. Ganz schrecklich.

Anna: Ganz schrecklich? Allein aus der Zeit….wann bin ich eingestiegen…

Gerd: Allein wo ich Sie eine Sekunde hier gesehen habe…

Anna: Nach einer Sekunde haben Sie schon gewusst, dass ich ganz ganz schrecklich bin, da haben Sie schon gesehen, ich habs hinter den Löffeln

Gerd: Also dat Sie irgendwie ganz komisch drauf sind

Anna: Öhö. Sehen Sie das auch an meinem Äußeren irgendwo oder ist das nur die Art, wie ich mich verhalte?

Gerd: Wie Sie sich verhalten.

Anna: Also, wie ich meinen Koffer getragen habe, das hat Sie zum Beispiel aggressiv gemacht.

Gerd: Ja, wie Sie hier ankamen… und es gibt… dat geht nicht. Also da werden Sie auch in Zukunft, ich sage mal in den nächsten 20 Jahren, da werden Sie Probleme in dieser Gesellschaft kriegen.

Anna: Können Sie mir vielleicht mal vormachen wie man einen Koffer trägt ohne aggressiv zu wirken? Ich kann mir das nicht vorstellen, ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen… 

Gerd (sucht jetzt Hilfe bei seinem Gegenüber, Udo): Dann erklär ihr dat mal!

Anna: Sie sind über 50, ne? Nur damit ich weiß, welche Generation mit mir spricht.

Udo: Ich spreche ja auch als Mensch und nicht als 40, 50 oder 30-Jähriger.

Anna: Das find ich erstmal gut, das würd ich von mir auch sagen.

Udo: Ich sach eigentlich nur einen Satz dazu dann ist das Thema für mich insgesamt beendet. Ein Lächeln bringt einen manchmal weiter, viel weiter

Anna: Also soll ich mehr lächeln, dann würden Sie mich auch mehr ernstnehmen.

Udo: Ob Sie lächeln oder nicht das ist mir egal, das ist einfach nur meine Meinung.
Aber für mich als Person…

Gerd: Man kommt damit einfach weiter. Wenn man offen ist.

Anna: Aber Sie haben mich ja jetzt auch an keiner Stelle angelächelt.

Udo: Ich hab mich ja auch nicht mit Ihnen unterhalten oder sonst irgendwelche Berührungspunkte gehabt, ich hab nur gesacht, dass…

[Na gut, denke ich. Können sie haben. Ich klappe den Laptop zu. Dann unterhalten wir uns doch. Sage ich.]

Anna: Ich bin Anna, ich bin 23 Jahre alt, lebe in München, studiere da, komme ursprünglich aus Dortmund, was machen Sie?

[Stille.]

Anna: Also… wer sind Sie?

Udo: Ich bin der Udo. Ich bin 51. Und ich arbeite bei der Behörde in Wiesbaden.

Anna: Ach. War ich noch nie. Is schön da?

Udo: Och, ich sach mal so, gibt schöne Ecken, gibt unschöne Ecken… Stadt selber nicht so schön. 

[Ich und Udo unterhalten uns jetzt darüber, wie er früher für eine Münchner Brauerei Bier ausgefahren hat. Udo redet viel, wir sprechen über seine Freunde, sein Studium. Gerd schweigt.]

Anna (zu Gerd): Und Sie?

Gerd: Ich… ich bin jetzt seit ungefähr 20 Jahren bei der Behörde. Ich hab immer viel mit Menschen zu tun gehabt.

[Wieder Stille.]

Anna: Haben Sie Hobbies?

Gerd: Ich hab mehrere Hobbies. Ich gehe öfter in die Sauna, ich habe Oldtimer…

[Ich frage nach den Oldtimern. Nach der Marke. Er erzählt, wie alt die Autos sind. Vom Ausgleich.] 

Gerd: Pflegen, sich drum kümmern, ich hab ne Beschäftigung…dat macht Spaß. Und wir beide beschäftigen uns ein bisschen mit Eisenbahnen.

[Wir unterhalten uns über Modelleisenbahnen.]

Gerd: Und welche Hobbies haben Sie?

Anna: Ich… ich mach zum Beispiel Yoga. Is schön. Aber mehr so sportlich nicht dieses ganze mit dem Meditieren so, eher so wo man sich schneller bewegt. Das find ich ganz gut. Und ansonsten, äh, ja, ich schreibe ganz gerne. Und ich esse super gerne Kuchen. Ich liebe Kuchen. 

Udo: Ja, wer macht das nicht, ne.

Ich: Ich hab ne Katze. Ich liebe Katzen. Ich würde sagen, Katzen sind auch mein Hobby. 

[Ehrliches, lautes Lachen im Vierer gegenüber.]

Ich: Und, äh, ich studier Journalismus. 

[Zustimmendes Nicken.]

Udo: Ich sammle noch alte Telefone. 

[Von diesem Moment an bin ich verliebt in Udo. Er brennt für etwas. Das ist mir sympathisch. Für alte Telefone. Ich verfalle in den Interviewmodus. Udo fährt auch für sein Leben gerne Motorrad. Irgendwo im Gespräch über Telefone verlieren wir die Aufmerksamkeit der anderen Mitfahrer. Und wir haben ein verdammtes movement gestartet. Im Vierer nebenan bietet eine Frau ihrem Sitznachbarn Zwieback an, er kommt von der Beerdigung seiner Mutter. Ein paar Sitze weiter unterhalten sich zwei Reisegruppen, über irgendwas, es ist mir egal, ich habe Gerd und Udo.]

[Irgendwann fühle ich mich sicher genug, um über mein wahres Hobby zu reden.]

Anna: Vielleicht kann ich Ihnen das noch erzählen. Womit ich mich viel beschäftige is so… vielleicht nervt Sie das jetzt auch, aber womit ich mich viel beschäftige ist Feminismus. Haben Sie da erstmal ‘ne Meinung zu? 

[Beide schnauben durch die Lippen wie trächtige Schimmelstuten.]

Udo: Von vornherein, weder positiv noch negativ. 

Anna: Ja, ne? Also is halt irgendwie so, muss man jetzt machen, Gleichberechtigung und so… Naja aber es gibt so’n Ding, das ist eigentlich echt ne Kleinigkeit, worüber man redet, zum Beispiel, dass Männer dazu neigen, viel Platz zu beanspruchen für sich. Und deshalb bin ich wahrscheinlich so rübergekommen, so aggressiv. Das ist für mich so’n rotes Tuch. Haben Sie auch so rote Tücher?

Gerd: Zug fahren. 

[Wir lachen.]

Anna: Manchmal ist es auf jeden Fall so, da schaffen Männer es, alleine mit ihren Beinen fünf Sitzplätze einzunehmen. 

Udo: Ich finde die Betrachtungsweise jetzt erst einmal lustig. Weil normalerweise ist das so, wenn eine Familie in den Urlaub fährt, dann hat sie von sieben Koffern, gehören der Frau sechs, und ihm nur einer. So viel zum Platz. 

[Ich versuche kurz, zu verhandeln, gebe dann aber in diese Richtung auf.]

Anna: Auf jeden Fall beobachte ich, dass das so ein Phänomen ist, dass Männer meinen, sie könnten mir den Platz wegnehmen. Die machen das aber ja nicht absichtlich oder weil sie böse sind. Vielleicht achten Sie mal drauf. 

Udo: Ist mir so noch nicht aufgefallen. 

Gerd: Aber in den letzten 20 Jahren, was Sie jetzt ansprechen, die Rechte der Frau oder das freizügige Leben der Frau, seit den letzten 20 Jahren, dass es ne Gesellschaft geworden ist, wo Frauen sich kaum noch benachteiligt fühlen müssen

Anna: Ja, ich kann ja auch vieles machen, Bundeskanzlerin werden und so

Gerd: Sie können alles machen. 

[Da hat er Recht.] 

Anna: Aber diese kleinen Sachen im Alltag, das nervt mich

Gerd: Die werden Sie nie wegkriegen

Anna: Meinen Sie? Das ist doch traurig!

Udo: Wissense wie Sie vorhin weitergekommen wären? Wenn Sie ihn angegrinst hätten, gesagt hätten, ey Kleiner, mach dich mal nicht so dick. 

Anna: Aber das is ja so ne Sache. Ich möchte nicht immer lächeln müssen, ich will doch auch mal mein Recht bekommen, ohne zu lächeln. 

Udo: Man kommt weiter damit. 

Anna: Müssen Sie immer lächeln, um zu bekommen, was Sie wollen?

Udo: Man kann nicht immer lächeln, aber wenn ich irgendwo hin komme, ich versuch’s immer. 

Gerd: Also wir beide, wir kommen sehr viel durch die Behörde. Und wie wir ankommen, haben wir zu 95% einen Anklang an die Person und nicht viele Auseinandersetzungen, weil wir auf die zugehen, weil wir drauf eingehen, wir gehen der Sache positiv…

Anna: Ich bin da so’n bisschen sensibel vielleicht, so weil manchmal geh ich einfach über die Straße, und ich gucke normal, so, mein Gesicht. Und dann sagt derjenige, der mir entgegenkommt: Lächel mal. Weil als Frau muss man die ganze Zeit irgendwie lächeln. 

Udo: Ne, das hat nichts mit Frau und Mann zu tun. 

Anna: Würden Sie das einfach so zu jemandem sagen? Wird Männern einfach so auf der Straße gesagt, dass sie mal lächeln sollen?

[Udo druckst.]

Gerd: Hat man mir auch schon mal gesagt. 

Anna: Echt? Von Fremden?

Gerd: Von irgendwie, wenn man in Gedanken war oder schlecht drauf war, so Probleme hatte…

Udo: Auch Kollegen, wenn man so über den Flur geht…

Anna: Naja, Kollegen sind ja was anderes…

Udo: Wir haben ja über 2000 Kollegen. Da ist man auch nicht mit jedem per Du. Aber ich stelle wirklich fest, wenn ich mit ‘nem Lächeln dadurch gehe, dann komm ich viel weiter. Auch wenn wir mit unseren Politessen, die gucken ja auch nach unseren Autos, und wenn ich sie dann sehe, dann greife ich sie mir gleich von hinten und sage: Na, ihr süßen Mädchen, was macht ihr wieder mit meinem Auto, und dann geht das, aber wenn ich die anschnauze…

Anna: Aber, also, wenn Sie zu mir zum Beispiel süßes Mädchen sagen würden… das würde mich schon richtig aufregen. Weil ich bin erwachsen. Und auch nicht süß. 

Udo: Die Damen sind ja teilweise älter als ich. Wenn ich da süßes Mädchen sage, wissen die auch, wo’s herkommt. Die kenn ich ja. 

Anna: Naja, aber was ich sagen will ist, Frauen werden halt schon noch anders wahrgenommen, die sollen nicht laut sein zum Beispiel… das Problem hab ich halt oft, weil ich hab ne große Klappe und dann bin ich schnippisch. Oder nervig. Oder hab meine Tage. Und nö, ich hab einfach n Charakter. 

Gerd: Is aber ja der Unterschied zwischen Mann und Frau, den kriegt man auch mit dem größten Einfühlsam kriegt man das nicht weg, Sie haben einfach den Unterschied zwischen Mann und Frau, Frauen ticken anders wie Männer. 

Anna: Jetzt inwiefern?

Gerd: Ich hab zum Beispiel ne Mieterin, und der ist kalt. Ja, warum ist der kalt. Wenn sie sich bei 22 Grad wohl fühlt, is der Mann am schwitzen. 

Anna: Ja, klar, ich hab n anderen Körper als Sie. 

Udo: Auch emotional. 

Anna: Würden Sie sagen?

Udo: Nicht zu 100 Prozent, aber ja. 

[Ich hole meinen schönsten Pott-Akzent aus der Tasche. Ich versuche zu erklären, dass manche Jungs nicht weinen dürfen. Frage vorsichtig, wie das so in ihrer Kindheit war. War aber alles nur schön. Ich bringe Beispiele über Beispiele für Alltagssexismus. Udo sagt, das Problem ist nicht der Mann, sondern Idioten. Ich sage, Frauen bekommen am Arbeitsplatz Spitznamen, Männer nicht. Udo sagt, es fängt ja schon damit an, dass Mädchen Puppen bekommen und Jungs Autos.]

Anna: Ja… dann verstehen wir uns ja eigentlich jetzt, ne?

Den Rest der noch dreistündigen Fahrt behält Gerd sein Bein bei sich. 

Pott zu Prunk, Kapitel 4: How to fall in love with München

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September. Vier Frauen auf einem aufblasbaren Einhorn treiben an mir vorbei. Ich liege auf einer Wiese an der Isar, es ist sonnenbrillenwarm. Zum Lesen nichts dabei außer einem anstrengenden Roman. Nach fünf Seiten verfalle ich mit dem Buch auf meinem Bauch in einen Dämmerschlaf. Beim Aufwachen ein leises, glühendes Sonnenbrandgefühl. Ein paar Meter entfernt von mir lag eben noch ein Mann. Er ist jetzt dabei, sich auszuziehen, um in den Fluss zu springen. So warm ist es nun auch wieder nicht.

November. Es hat Föhn. Im Wildpark gibt ein Waschbär mir High-Five. Vor dem Fuchsgehege zieht eine Frau ein Etui aus ihrer Manteltasche. Darin: Alle Zeitungsartikel, die je über die vier Füchse im Gehege geschrieben wurden, kleingefaltet, archiviert. Sie nähert sich pfeifend dem Gehege, die Füchse springen auf, rennen wie Kätzchen auf sie zu. “Haben Sie Futter dabei?”, frage ich, vorsichtig. “Neinneinnein, die darf man nicht füttern.” Sagt sie, entrüstet. “Die werden hier gut versorgt. Wir kennen uns schon lange, die wissen, wer ich bin.”

Dezember. Schwarzer Kaffee, Schokoladenhimbeerkuchen. Der Münchner Lokalteil der Süddeutschen Zeitung, inzwischen kein großes Rätsel mehr. Am Tisch gegenüber sitzt eine Dame mit grauen Haaren, sie schreibt seit einer Stunde ohne abzusetzen mit einem Füller in ein schwarzes Notizbuch.

Januar. Der Rollkoffer bleibt im Schnee stecken. Auf dem Boden, in der Luft, überall Schnee. Autos, Fahrräder, Geländer, zugedeckt. Schnee für tausend Schneemänner und dreitausend Schneeballschlachten, genug Schnee, damit alle Eltern ihre Kinder mit dem Schlitten zur Schule ziehen können. Schnee sieht so aus, wie Verliebtsein sich anfühlt, denke ich und fühle mich verdammt literarisch.

Vor lauter Schneehysterie muss ich ein bisschen weinen.

Und grinse wild wahllos Menschen an.

Sie schauen schnell verwirrt weg, denn wir sind immer noch in München.

Aber es ist mir egal.

Ich bin – zuhause.

Über Vorsätze. Oder: Goldpailletten-Glitzerkleider.

Bizeps. Avocados essen. Vor dem Heulkrampf durchatmen, bis zehn zählen. Müll trennen. Häufiger anrufen. Fenster putzen. Brote schmieren. Freundlicher sein. Klappe halten. Weihnachtsgeschenke basteln, im September. Flüchtlinge streicheln. Weniger lästern. Weniger Facebook. Weniger überdenken. Überlegte Entscheidungen. Das Handy weglegen. Nicht darauf einlassen. Vegan essen. Weniger rauchen. Ein Volksbegehren initiieren. GEZ zahlen. Nicht zu den Leuten gehören, die mit Vorsätzen brechen.

Wie schön es ist, das alles nicht zu schaffen. Wie gut der Moment, an dem man sich gegen das bessere Verhalten entscheidet. Die Avocado auskotzen, im Bett bleiben, Scheiße fressen, aus dem dreckigen Fenster gucken und Leute auf Facebook stalken, das Herz klopfen lassen, wie es will und weinen, wenn man muss.

Ist Blei nicht giftig?

Ein Fuchs, ein Penis, ein abgefallener Arm, eine fleischfressende Pflanze.

Es ist gut, ein Vorsatz-Ich zu haben. Ein ich, das Rechnungen pünktlich zahlt und sich traut, Briefe zu öffnen. Ein integreres, sportlicheres, sympathischeres ich, zu dem man aufblicken kann, aufleben. Und das trotzdem unerreichbar bleibt, bleiben muss, denn Perfektion ist wie eins dieser hautengen, goldpaillettenbesetzten Glitzerkleider, die es vor Silvester zu kaufen gibt: Von weitem nett anzusehen, aber angezogen sieht’s lächerlich aus, öde, erzwungen.

Über Couscous. Oder: Scheiße fressen

Meine erste Begegnung mit Couscous fand auf einem Kindergeburtstag statt. Ich war selbst noch ein Kind, und deshalb wehrlos. “Was ist das?” fragte ich beim Blick in die große, violette Plastikschüssel. “Couscous-Salat” sagte man zu mir, als wäre das eine Erklärung. Ich legte einen Klecks von der Masse, die mich an feuchten Sand erinnerte, auf meinen recyclebaren Kindergeburtstagsteller. Die nächsten zehn Minuten verbrachte ich damit, Gurken, Tomaten und Paprika vorsichtig mit der Gabel von den komischen Körnern mit dem fremden Namen zu befreien.

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Was ich über eure Couscous-Salate denke.

Damals war Couscous als Nahrungsmittel noch ausschließlich Reformhauskäufer_innen vorbehalten. Leider ist das nicht so geblieben. Couscous ist in. Couscous ist einfach. Couscous ist billig. Couscous ist schnell gemacht. Couscous ist gesund. “Mit Couscous kann man einfach so viel kochen.” Couscous hat weniger Kohlenhydrate als. Couscous mag einfach jede_r. 

Couscous ist ein Party-Essen für Leute, die ihr Leben nicht genießen können. Couscous ist eine lächerliche Ausrede für eine Sättigungsbeilage. Couscous ist der Dinkelbrei einer Generation, die alles hat, aber nichts besitzen will. 

Couscous ist wie Fitnessstudio, vegane Schokolade oder Handjobs. Man bekommt Muskeln, man erfüllt das Nachtisch-Ritual, man kommt. Ein Bedürfnis wird erfüllt. Aber die Sache weist nicht über sich selbst hinaus. Couscous ist Symbol für alles, was in unserer Gesellschaft falsch läuft.

Couscous ist nur Selbstzweck. Es ist sauber, sinnvoll, nützlich. Und nützliches Essen ist ein Mario-Barth-Witz. Kurz gelacht, Humorbedürfnis befriedigt und ab zurück ins langweilige Kackleben, wo man seine Freundin ehrlich scheiße findet und keiner lacht darüber. Astronaut_innen, Bergsteiger_innen oder Leistungssportler_innen sind die einzigen Milieus, die nützliches Essen gerechtfertigt zu sich nehmen. 

Niemand isst gerne Couscous, genau so wie niemand gerne auf Papier kaut oder sich Holzspäne in die Ohrmuschel einführt. Natürlich kann man Couscous so stark würzen, bis es nach irgendwas schmeckt. Man kann auch Papier in Bier einweichen oder Holzspäne in Watte wickeln. Aber warum? Worin besteht die Notwendigkeit? Warum füllt man nicht die ganze violette Schüssel mit dem guten Stoff, anstatt den Salat mit Couscous zu strecken wie ein tschechischer Drogenhustler?

Irgendwann haben die Reformhauskäufer_innen angefangen, Couscous-Salate zu Partys mitzubringen. Und alle dachten: Mensch, das schmeckt nicht so richtig gut und sieht auch nicht schön aus, aber ich habe keine Ahnung, woher es kommt und wieso. Das muss besonders gesund sein. Die Couscous-Verschwörung hat ihren Ursprung in einem unsympathischen Exotismus, der sich zu einem verlogenen, gesamtgesellschaftlichen Teufelskreis entwickelt hat. Couscous ist die größte Lüge, die wir uns je gegenseitig erzählt haben.

Pott zu Prunk, Kapitel 3: Plötzlich Proll

Der Anlass: Irgendeine blöde Journalistenkonferenz. Der Ort: Irgendeine Stadt in Dunkeldeutschland.

Ich wohne seit sechs Wochen in München, habe meine tägliche Dosis Butterbrezen auf 2 erhöht und verfahre mich nur noch auf jedem dritten Weg. Der Brechreiz, den ich früher bei starken, bayrischen Akzenten verspürt habe, bleibt inzwischen aus.

Trotzdem vergesse ich in der Stadt tief im Osten schon nach ein paar Minuten die sechsstündige Zugfahrt, denn auch hier sind überall hohe Altbauten und um mich herum die gleichen Menschen wie in München. Noch ist alles, was nicht NRW ist: woanders.

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#irgendeinaltbau #ostenodersüdendeutschlandistüberallgleich

Aber die, die hier wohnen und die, die auch nicht aus München angereist sind, können riechen, dass ich auf dem Weg hierher am Bahnhof 3,50 Euro für einen kleinen Kaffee ausgegeben habe. Sie riechen meinen Butterbrezen-Atem, meine kleine Liebäugelei mit den Dialekten.

Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal eine Münchnerin getroffen habe. Das war in Krakau, wo man für 3,50 Euro schick essen gehen kann. Die Münchnerin erzählte: “Wir haben unser Auto auf einem sicheren Parkplatz abgestellt, das war auch ganz günstig, nur 30 Euro pro Tag.” Die Münchnerin trug hässlichen Lippenstift und eine weiße Hose. Ich hasste sie.

Und jetzt, gar nicht so weit weg von Krakau, höre ich im Vorbeigehen die Leute reden, “die Münchner tragen die Nase ganz schön weit oben”, sagen sie, “da sind sie sich zu fein für”, sagen sie, “kommen ziemlich arrogant rüber”, sagen sie und meinen – auch mich.

Ich bin versucht, von Dortmund-Hörde zu erzählen, von der Stahlfabrik, die ich aus dem Wohnzimmerfenster sehen konnte und von meiner Mutter, die sagte: Wir ziehen um, weil du immer so hustest.

Ich bin versucht, von Unna-Königsborn zu erzählen, wo nach-Dortmund-ziehen Aufstieg bedeutet, wo es genau einen Club gibt und eine Bar und jedes Wochenende eine Schlägerei mit den gleichen Leuten.

Aber vielleicht muss man die Rollen einfach spielen, wie sie anderen einfallen. Die Nase noch ein Stück höher heben und hinterherwachsen. Jede Minute einen Zentimeter, irgendwann etwa 6 Meter 90. Das ist eine Höhe, von der aus man niemandem mehr etwas beweisen muss. Kichernd auf Köpfe rotzen, das geht noch.

Ein paar Tage später sagt jemand zu mir: “München ist eine Stadt, die sehr stark bewertet. Nach dem ersten Eindruck haben die Leute ihre Meinung von dir.” Ich denke: Wenigstens ist es ihnen egal, ob ich in München wohne. Und beiße in die dritte Butterbreze des Tages.

Wir machen selten Feature-Parts, nicht weil uns niemand fragt
Sondern weil ich viele nicht mag, arrogante Münchener Art
(Main Concept <3)

Pott zu Prunk, Kapitel 2: Klaut endlich mein Rad!

“Musst du nicht abschließen. Sind ja gleich wieder da”, sagte der Münchner zu mir. Es war Sommer, ich war für eine Wohnungsbesichtigung auf Kurzbesuch und er lieh mir ein altes, klappriges Fahrrad, dessen Sattel immer ein bisschen nach links wegklappte.

Vor einem Restaurant ließ er sein weniger klappriges Rad einfach stehen, das Schloss lässig um den Lenker geschlungen, wie eine rote Fahne, um Diebe anzulocken, dachte ich. Ich bin Raddiebstahlsparanoid, seit meiner Mutter das Fahrrad geklaut wurde, als sie die Einkäufe von der Haustür in unsere Erdgeschosswohnung brachte. Fünf Meter Abstand is all a Fahrraddieb needs.

Dachte ich. Nicht so in München. Hier kann man im Innenhof das Rad ganz ohne Schloss stehen lassen. Vor dem Supermarkt reicht den Münchnern für ihre 1500-Euro-Räder ein 5-Euro-Plastikschloss, das eher symbolischen Wert hat: “Dieses Rad bräuchte ich noch, bitte nicht bei Stadtbildsverschönerungen entsorgen.”

In Köln und Dortmund besaß ich kein stehlenswertes Rad. Alter Stahlrahmen, Licht kaputt, Reifen immer kurz vor platt und die Pedale so schwer zu treten, dass jeder Gelegenheitsdieb nach zwanzig Metern schimpfend abgestiegen wäre. Trotzdem: Selbst wenn ich in einem Café direkt neben meinem Fahrrad saß – es war niemals ohne Schloss. Safety first.

Zum Bachelorzeugnis habe ich mir dann selbst ein Rad geschenkt. Aus einer Entfernung von hundert Metern sieht man es rosa leuchten. Die fucking Prinzessin Lillifee unter den Fahrrädern. Jedoch mit etwas mehr Stil. Und: immerhin teurer als ein Abendessen oder ein Ryanair-Flug. Wenn ich ein Dieb wäre, ich wäre recht gallig darauf, dieses Rad auf ebay zu verscherbeln. 

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Posing with the poserbike

Anscheinend geht es den Dieben in München nicht so. Oder es gibt einfach keine Diebe in München. Wer es sich leisten kann, hier zu wohnen, ist wohl nicht in einem so unbeständigen Business wie Fahrraddiebstahl aktiv. Wenn schon kriminell werden in dieser Stadt, dann wenigstens irgendwas mit Immobilien.

Das Fahrrad und ich freuen uns darüber. Wir freuen uns, wenn es unabgeschlossen vor der Bäckerei wartet und wenn wir uns dann in die Arme fallen, ich mit Brezen im Rucksack, das Fahrrad immer noch da. Wir freuen uns, dass es nur ein Schloss braucht und nicht zwei, denn wohin soll man denn mit den ganzen Schlössern beim Fahren? Wir sind jedes Mal überrascht, wenn wir uns nachts um halb drei heile wiedersehen, nachdem es stundenlang an einer Laterne auf mich gewartet hat. “Schon wieder kein Vandalismus!” jubeln wir dann.

Allerdings sind wir auch ein bisschen beleidigt. Wir hatten gehofft, uns begehrenswerter zu fühlen. Es ist, als hätte man sich sehr hübsch gemacht für eine Party und dann sind alle interessanten Personen in Begleitung da. Als hätte man sich sehr gut auf ein Unwetter vorbereitet und dann scheint die Sonne. Wir fühlen uns betrogen um ein Abenteuer. Und wir wissen beide, wie albern das ist.

München steht für Hiphop, homie, coole Rhymes und fette Beats.