Freundliche Kommentare gescheh’n, ich habs geseh’n

by Anna Mayr

Don’t read the comments. Sagen sie. Denn Kommentare werden nur von Wutbürgern geschrieben und von Arschlöchern. Kein Mensch, der denkt und fühlt, schreibt Kommentare.

So ein Quatsch, denke ich seit diesem Text. So ein Glück, dass ich die Kommentare gelesen habe. Nicht alle. Nicht die, die mit einer Beleidigung anfangen und mit Anweisungen enden. Nicht die, die meinen, meinen Schreibstil bewerten zu müssen oder mein Leben. Aber solche:

Anna, Du (ich bin eine alte Frau, deshalb diese Anrede) hast einen fabelhaften Text geschrieben. Ich habe alles ganz leicht verstanden. Und hätte es selbst niemals so gut ausdrücken können. Ich bin im akademischen Judentum groß geworden, habe aber sofort verstanden, wie es in Deinem Milieu zugegangen ist und wie Du – dank Deiner eigensinnigen und heldenhaften Mutter – geworden bist, was Du bist.

Bei solchen Kommentaren hatte ich Tränen in den Augen. Das heißt noch nicht viel, weil ich oft heule. Aber es bedeutet mir einiges.

Ich bin zu müde und habe zu viele Gedanken aber zu wenig Wert um ernstgenommen und gehört zu werden. Was bleibt ist dass ich nicht will dass es einem andren schlechter gehen muss als mir

JournalistInnen wollen unterhalten, aufregen, berühren. Und vielleicht muss man genau deshalb manchmal Kommentare lesen. Um nicht zu vergessen, wie das ist: berührt werden.

Ich musste mir das Denken selber beibringen, ohne Hilfe meiner Eltern, und wäre in so manche Grube des Lebens nicht reingeplumpst, wenn ich als Kind nicht nur darauf geeicht worden wäre, was sich gehört und was üblich ist.

Ich habe Aufsätze per Mail bekommen voller Gefühle und Wut und Vorschläge, welche Partei ich denn nun wählen soll. Das ändert nichts, aber ich bewundere diese Menschen. Für ihren Idealismus und dafür, wie sehr sie verändern wollen.

Scheinbar hat die Mama, trotz Tattoo, in ihrer Pflicht als Mutter alles richtig gemacht

Man muss sich entscheiden, wem man zuhört. Denen, die viele Ausrufezeichen setzen und den Text, um den es geht, nur halb lesen. Oder denen, die kommentieren, weil sie etwas zu sagen haben, das keine gequirlte Scheiße ist.

Als überzeugter Konservativer/Mitte Rechts oder was auch immer, muss ich gestehen dass mir das Schriftstück unheimlich gut gefallen hat.

Ich hatte Angst, dass Hass zurückkommt. Was kam, war sehr viel Mist und sehr viel Freundlichkeit. Und jedes gute Wort wiegt dabei zehnmal mehr als eine unreflektierte Beleidigung.

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