Klebe-Pärchen auf Konzerten, oder: Bleibt doch zuhause

by Anna Mayr

Wer hat euch gezwungen, hier zu sein. Knapp hundert Euro auszugeben, um in eine Richtung guckend zu erstarren. Wer hat euch beigebracht, dass man als Zweierbeziehung bei Musikbeschallung diese Position einnehmen muss:

Sie vorne, er dahinter. Seine Arme an ihren Hüften oder um ihren Bauch oder irgendwo in Brusthöhe. Vielleicht sein Kinn auf ihrem Kopf, sodass sie aussehen wie ein fleischiger, hautfarbener Marterpfahl. Ihre Arme irgendwo umständlich gefaltet zwischen oder auf seinen. Oder sie lässt die Arme hängen, das hat was von Zwangsjacke und Zwangsjacke hat ja eigentlich was von Geborgenheit.

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Dies ist meine Person, sagen diese Arme. Ich habe sie hierher mitgebracht, damit wir so stehen können. Man berührt sich sonst nicht genug im Alltag, man muss das nachholen, am liebsten in großen Menschenansammlungen. Und jetzt machen wir es uns schön, jetzt schreien wir laut rum mit unserer Körperhaltung WIR SIND ZUSAMMEN UND MIT VIEL GLÜCK SPÄTER NOCH POPPEN.

Auf Konzerten hintereinanderstehen ist wie Kerzen aufstellen und Licht dimmen vorm Oralverkehr, wie aphrodisierende Romantik-Menüs auf Restaurantkarten, wie die Hand auf dem Knie bei der Kuss-Szene im Kino. Triefend prätentiös. 

Niemand kann tanzen, wenn er von hinten fixiert wird.

Niemand kann hüpfen, wenn er gerade eine Hüfte festhält.

Höchstens bescheuertes hin und her schunkeln geht, oder dieses peinliche Mitgewippe aus dem Kniegelenk, das immer ein bisschen nach ADHS aussieht. So hässlich kann man Musik auch zuhause hören.

Deshalb stehen sie in Reih mit Glied dazwischen. Anderthalb Stunden hintereinanderstehen, das schaffen sonst nur Pendler_innen im Regionalexpress.

Es wäre doch logisch, nebeneinander zu stehen. Es wäre logisch, das Gesicht des anderen sehen zu wollen, sich-erblicken-können, bewegen und anschreien und springen. Es wäre logisch, sich des Lebens zu freuen.

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Dieses fallschirm-tandemsprungmäßige Festgehalte ist nichts als ein Rückbleibsel des deutschen Urinstinkts, sich mit ernstem Blick strammstehend aufzureihen. 

Bei den Klebe-Pärchen zuhause am Kühlschrank hängen Konzertkarten, mit scheiß Mallorca-Magneten fixiert, schau mal, weißt du noch, als wir bei Coldplay waren? Nein, weiß ich nicht mehr, aber wahrscheinlich habe ich dagestanden und dich von hinten gehalten und am Ende haben wir uns ins Auto gesetzt und Radio gehört und abends haben wir uns leise gefreut, dass wieder ein Tag vorbei ist, den wir miteinander verbringen mussten.