Den Arsch ansprechen: Ein Zug-Drama in drei Akten

by Anna Mayr

Wir finden uns direkt beim Einstieg scheiße. “Kann ich mich da noch hinsetzen?”, frage ich, denn an einem Sonntagnachmittag belegt man im Fernverkehr nicht zwei Sitze mit Rucksäcken. Ich bin ein arroganter Zugfahrer, weil ich viel fahre, quasi professionell. Die zwei Männer, die im Vierer die zwei Fensterplätze belegen, schnauben mich an. Der eine nimmt seinen Rucksack weg, ich knalle meinen Laptop auf das Stück Tisch, das nicht mit leeren Bierflaschen, Äpfeln und einem gigantischen Notebook belegt ist. Ich atme tief ein.

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Ein moderates Exemplar von Sitzgrenzenüberschreitung.

Der Mann, der nun die Ehre hat, neben mir zu sitzen, hat offenbar sehr große Hoden oder einen Penisbruch oder was auch immer dazu führt, dass man mit überaus vulgär gespreizten Schenkeln sitzen muss. “Könnten Sie vielleicht etwas Platz machen?” Frage ich und deute auf sein Knie, das quasi kurz davor ist, in meinen Bauchraum einzudringen. Er schaut vollkommen verdattert. “Ich habe lange Beine!” Sagt er. “Schauen Sie mal, da haben wir etwas gemeinsam.” Sage ich. Schnauben, von beiden Seiten des Tisches. Die beiden waschbärbauchtragenden Arschlöcher beginnen nun, mich laut zu kommentieren: Schnippisch. Unverschämt. Unhöflich. “Wie weit müssen Sie fahren?” Fragen Sie. “Bis zur Endstation.” Sage ich. “Na toll, so eine Scheiße.” Sagen sie.

Nach fünf Minuten ist das Knie von dem Langbeinigen wieder da, wo es vorher war – in meinem Dojo. Ich denke: Tit for tat, Grenzüberschreitung für Grenzüberschreitung. Ich stelle die Aufnahmefunktion auf meinem Handy an und lege es auf den Tisch, um das blöde Gespräch der beiden Arschlöcher aufzunehmen. Just because I fucking can. Über meine minderqualitativen Kopfhörer höre ich so laut schlechten Deutschrap, dass ich mir sicher bin: Es ist belästigend laut für alle Umsitzenden.

Insgesamt verhalte ich mich wohl sehr erwachsen.

Ich bin wütend.

Nach etwa einer halben Stunde Fahrt fliegt mir eine “DB-Mobil” in die Fresse. Der Mann mit den riesigen Hoden, den ich inzwischen Gerd getauft habe: “Tschuldigung, is mir runtergefallen.” Ich drehe mich zu ihm, gucke entgeistert. “WAS DENN, HABEN SIE EIN PROBLEM DAMIT? IS MIR RUNTERGEFALLEN!” Ich sage, dass ich ein Problem damit habe, wenn mir Dinge ins Gesicht fallen.

Jetzt hört uns der ganze Zug zu. 

Die Tonaufnahme meines Handys läuft immer noch. 

Gerd: Ich glaub Sie haben n Lebensproblem haben Sie

Anna: Ja?! Erzählen Sie mir mal mehr darüber, das interessiert mich, welches hab ich denn?

Gerd: Irgendnen Problem haben Sie

Anna: Welches denn?

Gerd: Mit Ihren Mitmenschen oder wat weiß ich, wo Sie nen Problem haben

Anna: Welches denn jetzt speziell? So, was haben Sie jetzt analysiert, aus mir?

Gerd: Sie sind n genervter Mensch. Sie gehen schon genervt auf Ihre Umwelt drauf zu. Sie sind aggressiv hier in diesen Zug reingekommen.

Anna: Woran haben Sie das erkannt?

Gerd: Wie Sie hier reingekommen sind, schon allein das Auftreten das Sie hatten, dass Sie hier sag ich mal genervt mit ihrem Koffer hier ankamen, dass Ihnen das schon nicht gepasst hat dass wir einen Laptop hier drauf hatten, dass ich meinen Fuß eventuell einen Zentimeter in ihrem Bereich hatte, und ganz ehrlich, das is’n ganz komischen, n ganz bescheuertes Verhalten

Anna: Naja, da ist jetzt auch viel was Sie interpretieren, in meine Verhaltensweise…

Gerd: Ich sach Ihnen jetzt nur was über Ihr Verhalten, und ob Ihnen das jetzt…

Anna: Das kommt bei Ihnen so rüber, das ist die Wahrnehmung, die Sie haben

Gerd: Genau und ob Ihnen das passt oder nicht, da müssen Sie mit leben

[Gerd wirkt jetzt unangenehm aggressiv. Ich sehe mich um, ein paar Plätze weiter fange ich den Blick einer Frau ein, die mich wissend anlächelt.]

Anna: Ne das find ich gut. Das ist ja auch eine der zivilisatorischen Grundkompetenzen unserer Gesellschaft, ne, dass wir irgendwie alle unsere Art haben, unser Verhalten, und dass wir irgendwie trotzdem uns miteinander nicht stören, die Freiheit des Einzelnen geht bis dahin, wo die Freiheit des anderen anfängt.

Gerd: Genau!

Anna: Wo würden Sie jetzt zum Beispiel sagen fängt Ihre Freiheit an und meine hört auf, wo habe ich jetzt Ihre Freiheit eingeschränkt?

Gerd: Mit Ihrem Verhalten, mit Ihrem komischen, ganz komisches Verhalten haben Sie, was Sie an den Tag legen.

Anna: …ja…wie schränkt Sie das ein, in Ihrer eigenen Freiheit?

Gerd: Dat nervt. Das ist ganz einfach nervig.

Anna: Ja…Das kann ich sogar….

Gerd: Weil wir sind eine andere Generation. Wir sind ‘ne offene Generation.

Anna: Darf ich fragen wie alt Sie sind?

Gerd: Wie alt wir sind?

Anna: Ja, ich dachte mir dann weiß ich welche Generation…

Gerd: Er ist 51. Ich bin kurz über 40. Und wir sind ‘ne ganz andere Generation, wir sind ‘ne lebensoffene, kommunikative Generation

Anna: Mhm. Und ich komm jetzt wie rüber?

Gerd: Einfach schrecklich. Ganz schrecklich.

Anna: Ganz schrecklich? Allein aus der Zeit….wann bin ich eingestiegen…

Gerd: Allein wo ich Sie eine Sekunde hier gesehen habe…

Anna: Nach einer Sekunde haben Sie schon gewusst, dass ich ganz ganz schrecklich bin, da haben Sie schon gesehen, ich habs hinter den Löffeln

Gerd: Also dat Sie irgendwie ganz komisch drauf sind

Anna: Öhö. Sehen Sie das auch an meinem Äußeren irgendwo oder ist das nur die Art, wie ich mich verhalte?

Gerd: Wie Sie sich verhalten.

Anna: Also, wie ich meinen Koffer getragen habe, das hat Sie zum Beispiel aggressiv gemacht.

Gerd: Ja, wie Sie hier ankamen… und es gibt… dat geht nicht. Also da werden Sie auch in Zukunft, ich sage mal in den nächsten 20 Jahren, da werden Sie Probleme in dieser Gesellschaft kriegen.

Anna: Können Sie mir vielleicht mal vormachen wie man einen Koffer trägt ohne aggressiv zu wirken? Ich kann mir das nicht vorstellen, ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen… 

Gerd (sucht jetzt Hilfe bei seinem Gegenüber, Udo): Dann erklär ihr dat mal!

Anna: Sie sind über 50, ne? Nur damit ich weiß, welche Generation mit mir spricht.

Udo: Ich spreche ja auch als Mensch und nicht als 40, 50 oder 30-Jähriger.

Anna: Das find ich erstmal gut, das würd ich von mir auch sagen.

Udo: Ich sach eigentlich nur einen Satz dazu dann ist das Thema für mich insgesamt beendet. Ein Lächeln bringt einen manchmal weiter, viel weiter

Anna: Also soll ich mehr lächeln, dann würden Sie mich auch mehr ernstnehmen.

Udo: Ob Sie lächeln oder nicht das ist mir egal, das ist einfach nur meine Meinung.
Aber für mich als Person…

Gerd: Man kommt damit einfach weiter. Wenn man offen ist.

Anna: Aber Sie haben mich ja jetzt auch an keiner Stelle angelächelt.

Udo: Ich hab mich ja auch nicht mit Ihnen unterhalten oder sonst irgendwelche Berührungspunkte gehabt, ich hab nur gesacht, dass…

[Na gut, denke ich. Können sie haben. Ich klappe den Laptop zu. Dann unterhalten wir uns doch. Sage ich.]

Anna: Ich bin Anna, ich bin 23 Jahre alt, lebe in München, studiere da, komme ursprünglich aus Dortmund, was machen Sie?

[Stille.]

Anna: Also… wer sind Sie?

Udo: Ich bin der Udo. Ich bin 51. Und ich arbeite bei der Behörde in Wiesbaden.

Anna: Ach. War ich noch nie. Is schön da?

Udo: Och, ich sach mal so, gibt schöne Ecken, gibt unschöne Ecken… Stadt selber nicht so schön. 

[Ich und Udo unterhalten uns jetzt darüber, wie er früher für eine Münchner Brauerei Bier ausgefahren hat. Udo redet viel, wir sprechen über seine Freunde, sein Studium. Gerd schweigt.]

Anna (zu Gerd): Und Sie?

Gerd: Ich… ich bin jetzt seit ungefähr 20 Jahren bei der Behörde. Ich hab immer viel mit Menschen zu tun gehabt.

[Wieder Stille.]

Anna: Haben Sie Hobbies?

Gerd: Ich hab mehrere Hobbies. Ich gehe öfter in die Sauna, ich habe Oldtimer…

[Ich frage nach den Oldtimern. Nach der Marke. Er erzählt, wie alt die Autos sind. Vom Ausgleich.] 

Gerd: Pflegen, sich drum kümmern, ich hab ne Beschäftigung…dat macht Spaß. Und wir beide beschäftigen uns ein bisschen mit Eisenbahnen.

[Wir unterhalten uns über Modelleisenbahnen.]

Gerd: Und welche Hobbies haben Sie?

Anna: Ich… ich mach zum Beispiel Yoga. Is schön. Aber mehr so sportlich nicht dieses ganze mit dem Meditieren so, eher so wo man sich schneller bewegt. Das find ich ganz gut. Und ansonsten, äh, ja, ich schreibe ganz gerne. Und ich esse super gerne Kuchen. Ich liebe Kuchen. 

Udo: Ja, wer macht das nicht, ne.

Ich: Ich hab ne Katze. Ich liebe Katzen. Ich würde sagen, Katzen sind auch mein Hobby. 

[Ehrliches, lautes Lachen im Vierer gegenüber.]

Ich: Und, äh, ich studier Journalismus. 

[Zustimmendes Nicken.]

Udo: Ich sammle noch alte Telefone. 

[Von diesem Moment an bin ich verliebt in Udo. Er brennt für etwas. Das ist mir sympathisch. Für alte Telefone. Ich verfalle in den Interviewmodus. Udo fährt auch für sein Leben gerne Motorrad. Irgendwo im Gespräch über Telefone verlieren wir die Aufmerksamkeit der anderen Mitfahrer. Und wir haben ein verdammtes movement gestartet. Im Vierer nebenan bietet eine Frau ihrem Sitznachbarn Zwieback an, er kommt von der Beerdigung seiner Mutter. Ein paar Sitze weiter unterhalten sich zwei Reisegruppen, über irgendwas, es ist mir egal, ich habe Gerd und Udo.]

[Irgendwann fühle ich mich sicher genug, um über mein wahres Hobby zu reden.]

Anna: Vielleicht kann ich Ihnen das noch erzählen. Womit ich mich viel beschäftige is so… vielleicht nervt Sie das jetzt auch, aber womit ich mich viel beschäftige ist Feminismus. Haben Sie da erstmal ‘ne Meinung zu? 

[Beide schnauben durch die Lippen wie trächtige Schimmelstuten.]

Udo: Von vornherein, weder positiv noch negativ. 

Anna: Ja, ne? Also is halt irgendwie so, muss man jetzt machen, Gleichberechtigung und so… Naja aber es gibt so’n Ding, das ist eigentlich echt ne Kleinigkeit, worüber man redet, zum Beispiel, dass Männer dazu neigen, viel Platz zu beanspruchen für sich. Und deshalb bin ich wahrscheinlich so rübergekommen, so aggressiv. Das ist für mich so’n rotes Tuch. Haben Sie auch so rote Tücher?

Gerd: Zug fahren. 

[Wir lachen.]

Anna: Manchmal ist es auf jeden Fall so, da schaffen Männer es, alleine mit ihren Beinen fünf Sitzplätze einzunehmen. 

Udo: Ich finde die Betrachtungsweise jetzt erst einmal lustig. Weil normalerweise ist das so, wenn eine Familie in den Urlaub fährt, dann hat sie von sieben Koffern, gehören der Frau sechs, und ihm nur einer. So viel zum Platz. 

[Ich versuche kurz, zu verhandeln, gebe dann aber in diese Richtung auf.]

Anna: Auf jeden Fall beobachte ich, dass das so ein Phänomen ist, dass Männer meinen, sie könnten mir den Platz wegnehmen. Die machen das aber ja nicht absichtlich oder weil sie böse sind. Vielleicht achten Sie mal drauf. 

Udo: Ist mir so noch nicht aufgefallen. 

Gerd: Aber in den letzten 20 Jahren, was Sie jetzt ansprechen, die Rechte der Frau oder das freizügige Leben der Frau, seit den letzten 20 Jahren, dass es ne Gesellschaft geworden ist, wo Frauen sich kaum noch benachteiligt fühlen müssen

Anna: Ja, ich kann ja auch vieles machen, Bundeskanzlerin werden und so

Gerd: Sie können alles machen. 

[Da hat er Recht.] 

Anna: Aber diese kleinen Sachen im Alltag, das nervt mich

Gerd: Die werden Sie nie wegkriegen

Anna: Meinen Sie? Das ist doch traurig!

Udo: Wissense wie Sie vorhin weitergekommen wären? Wenn Sie ihn angegrinst hätten, gesagt hätten, ey Kleiner, mach dich mal nicht so dick. 

Anna: Aber das is ja so ne Sache. Ich möchte nicht immer lächeln müssen, ich will doch auch mal mein Recht bekommen, ohne zu lächeln. 

Udo: Man kommt weiter damit. 

Anna: Müssen Sie immer lächeln, um zu bekommen, was Sie wollen?

Udo: Man kann nicht immer lächeln, aber wenn ich irgendwo hin komme, ich versuch’s immer. 

Gerd: Also wir beide, wir kommen sehr viel durch die Behörde. Und wie wir ankommen, haben wir zu 95% einen Anklang an die Person und nicht viele Auseinandersetzungen, weil wir auf die zugehen, weil wir drauf eingehen, wir gehen der Sache positiv…

Anna: Ich bin da so’n bisschen sensibel vielleicht, so weil manchmal geh ich einfach über die Straße, und ich gucke normal, so, mein Gesicht. Und dann sagt derjenige, der mir entgegenkommt: Lächel mal. Weil als Frau muss man die ganze Zeit irgendwie lächeln. 

Udo: Ne, das hat nichts mit Frau und Mann zu tun. 

Anna: Würden Sie das einfach so zu jemandem sagen? Wird Männern einfach so auf der Straße gesagt, dass sie mal lächeln sollen?

[Udo druckst.]

Gerd: Hat man mir auch schon mal gesagt. 

Anna: Echt? Von Fremden?

Gerd: Von irgendwie, wenn man in Gedanken war oder schlecht drauf war, so Probleme hatte…

Udo: Auch Kollegen, wenn man so über den Flur geht…

Anna: Naja, Kollegen sind ja was anderes…

Udo: Wir haben ja über 2000 Kollegen. Da ist man auch nicht mit jedem per Du. Aber ich stelle wirklich fest, wenn ich mit ‘nem Lächeln dadurch gehe, dann komm ich viel weiter. Auch wenn wir mit unseren Politessen, die gucken ja auch nach unseren Autos, und wenn ich sie dann sehe, dann greife ich sie mir gleich von hinten und sage: Na, ihr süßen Mädchen, was macht ihr wieder mit meinem Auto, und dann geht das, aber wenn ich die anschnauze…

Anna: Aber, also, wenn Sie zu mir zum Beispiel süßes Mädchen sagen würden… das würde mich schon richtig aufregen. Weil ich bin erwachsen. Und auch nicht süß. 

Udo: Die Damen sind ja teilweise älter als ich. Wenn ich da süßes Mädchen sage, wissen die auch, wo’s herkommt. Die kenn ich ja. 

Anna: Naja, aber was ich sagen will ist, Frauen werden halt schon noch anders wahrgenommen, die sollen nicht laut sein zum Beispiel… das Problem hab ich halt oft, weil ich hab ne große Klappe und dann bin ich schnippisch. Oder nervig. Oder hab meine Tage. Und nö, ich hab einfach n Charakter. 

Gerd: Is aber ja der Unterschied zwischen Mann und Frau, den kriegt man auch mit dem größten Einfühlsam kriegt man das nicht weg, Sie haben einfach den Unterschied zwischen Mann und Frau, Frauen ticken anders wie Männer. 

Anna: Jetzt inwiefern?

Gerd: Ich hab zum Beispiel ne Mieterin, und der ist kalt. Ja, warum ist der kalt. Wenn sie sich bei 22 Grad wohl fühlt, is der Mann am schwitzen. 

Anna: Ja, klar, ich hab n anderen Körper als Sie. 

Udo: Auch emotional. 

Anna: Würden Sie sagen?

Udo: Nicht zu 100 Prozent, aber ja. 

[Ich hole meinen schönsten Pott-Akzent aus der Tasche. Ich versuche zu erklären, dass manche Jungs nicht weinen dürfen. Frage vorsichtig, wie das so in ihrer Kindheit war. War aber alles nur schön. Ich bringe Beispiele über Beispiele für Alltagssexismus. Udo sagt, das Problem ist nicht der Mann, sondern Idioten. Ich sage, Frauen bekommen am Arbeitsplatz Spitznamen, Männer nicht. Udo sagt, es fängt ja schon damit an, dass Mädchen Puppen bekommen und Jungs Autos.]

Anna: Ja… dann verstehen wir uns ja eigentlich jetzt, ne?

Den Rest der noch dreistündigen Fahrt behält Gerd sein Bein bei sich.