Pott zu Prunk, Kapitel 3: Plötzlich Proll

by Anna Mayr

Der Anlass: Irgendeine blöde Journalistenkonferenz. Der Ort: Irgendeine Stadt in Dunkeldeutschland.

Ich wohne seit sechs Wochen in München, habe meine tägliche Dosis Butterbrezen auf 2 erhöht und verfahre mich nur noch auf jedem dritten Weg. Der Brechreiz, den ich früher bei starken, bayrischen Akzenten verspürt habe, bleibt inzwischen aus.

Trotzdem vergesse ich in der Stadt tief im Osten schon nach ein paar Minuten die sechsstündige Zugfahrt, denn auch hier sind überall hohe Altbauten und um mich herum die gleichen Menschen wie in München. Noch ist alles, was nicht NRW ist: woanders.

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#irgendeinaltbau #ostenodersüdendeutschlandistüberallgleich

Aber die, die hier wohnen und die, die auch nicht aus München angereist sind, können riechen, dass ich auf dem Weg hierher am Bahnhof 3,50 Euro für einen kleinen Kaffee ausgegeben habe. Sie riechen meinen Butterbrezen-Atem, meine kleine Liebäugelei mit den Dialekten.

Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal eine Münchnerin getroffen habe. Das war in Krakau, wo man für 3,50 Euro schick essen gehen kann. Die Münchnerin erzählte: “Wir haben unser Auto auf einem sicheren Parkplatz abgestellt, das war auch ganz günstig, nur 30 Euro pro Tag.” Die Münchnerin trug hässlichen Lippenstift und eine weiße Hose. Ich hasste sie.

Und jetzt, gar nicht so weit weg von Krakau, höre ich im Vorbeigehen die Leute reden, “die Münchner tragen die Nase ganz schön weit oben”, sagen sie, “da sind sie sich zu fein für”, sagen sie, “kommen ziemlich arrogant rüber”, sagen sie und meinen – auch mich.

Ich bin versucht, von Dortmund-Hörde zu erzählen, von der Stahlfabrik, die ich aus dem Wohnzimmerfenster sehen konnte und von meiner Mutter, die sagte: Wir ziehen um, weil du immer so hustest.

Ich bin versucht, von Unna-Königsborn zu erzählen, wo nach-Dortmund-ziehen Aufstieg bedeutet, wo es genau einen Club gibt und eine Bar und jedes Wochenende eine Schlägerei mit den gleichen Leuten.

Aber vielleicht muss man die Rollen einfach spielen, wie sie anderen einfallen. Die Nase noch ein Stück höher heben und hinterherwachsen. Jede Minute einen Zentimeter, irgendwann etwa 6 Meter 90. Das ist eine Höhe, von der aus man niemandem mehr etwas beweisen muss. Kichernd auf Köpfe rotzen, das geht noch.

Ein paar Tage später sagt jemand zu mir: “München ist eine Stadt, die sehr stark bewertet. Nach dem ersten Eindruck haben die Leute ihre Meinung von dir.” Ich denke: Wenigstens ist es ihnen egal, ob ich in München wohne. Und beiße in die dritte Butterbreze des Tages.

Wir machen selten Feature-Parts, nicht weil uns niemand fragt
Sondern weil ich viele nicht mag, arrogante Münchener Art
(Main Concept <3)