Pott zu Prunk, Kapitel 2: Klaut endlich mein Rad!

by Anna Mayr

“Musst du nicht abschließen. Sind ja gleich wieder da”, sagte der Münchner zu mir. Es war Sommer, ich war für eine Wohnungsbesichtigung auf Kurzbesuch und er lieh mir ein altes, klappriges Fahrrad, dessen Sattel immer ein bisschen nach links wegklappte.

Vor einem Restaurant ließ er sein weniger klappriges Rad einfach stehen, das Schloss lässig um den Lenker geschlungen, wie eine rote Fahne, um Diebe anzulocken, dachte ich. Ich bin Raddiebstahlsparanoid, seit meiner Mutter das Fahrrad geklaut wurde, als sie die Einkäufe von der Haustür in unsere Erdgeschosswohnung brachte. Fünf Meter Abstand is all a Fahrraddieb needs.

Dachte ich. Nicht so in München. Hier kann man im Innenhof das Rad ganz ohne Schloss stehen lassen. Vor dem Supermarkt reicht den Münchnern für ihre 1500-Euro-Räder ein 5-Euro-Plastikschloss, das eher symbolischen Wert hat: “Dieses Rad bräuchte ich noch, bitte nicht bei Stadtbildsverschönerungen entsorgen.”

In Köln und Dortmund besaß ich kein stehlenswertes Rad. Alter Stahlrahmen, Licht kaputt, Reifen immer kurz vor platt und die Pedale so schwer zu treten, dass jeder Gelegenheitsdieb nach zwanzig Metern schimpfend abgestiegen wäre. Trotzdem: Selbst wenn ich in einem Café direkt neben meinem Fahrrad saß – es war niemals ohne Schloss. Safety first.

Zum Bachelorzeugnis habe ich mir dann selbst ein Rad geschenkt. Aus einer Entfernung von hundert Metern sieht man es rosa leuchten. Die fucking Prinzessin Lillifee unter den Fahrrädern. Jedoch mit etwas mehr Stil. Und: immerhin teurer als ein Abendessen oder ein Ryanair-Flug. Wenn ich ein Dieb wäre, ich wäre recht gallig darauf, dieses Rad auf ebay zu verscherbeln. 

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Posing with the poserbike

Anscheinend geht es den Dieben in München nicht so. Oder es gibt einfach keine Diebe in München. Wer es sich leisten kann, hier zu wohnen, ist wohl nicht in einem so unbeständigen Business wie Fahrraddiebstahl aktiv. Wenn schon kriminell werden in dieser Stadt, dann wenigstens irgendwas mit Immobilien.

Das Fahrrad und ich freuen uns darüber. Wir freuen uns, wenn es unabgeschlossen vor der Bäckerei wartet und wenn wir uns dann in die Arme fallen, ich mit Brezen im Rucksack, das Fahrrad immer noch da. Wir freuen uns, dass es nur ein Schloss braucht und nicht zwei, denn wohin soll man denn mit den ganzen Schlössern beim Fahren? Wir sind jedes Mal überrascht, wenn wir uns nachts um halb drei heile wiedersehen, nachdem es stundenlang an einer Laterne auf mich gewartet hat. “Schon wieder kein Vandalismus!” jubeln wir dann.

Allerdings sind wir auch ein bisschen beleidigt. Wir hatten gehofft, uns begehrenswerter zu fühlen. Es ist, als hätte man sich sehr hübsch gemacht für eine Party und dann sind alle interessanten Personen in Begleitung da. Als hätte man sich sehr gut auf ein Unwetter vorbereitet und dann scheint die Sonne. Wir fühlen uns betrogen um ein Abenteuer. Und wir wissen beide, wie albern das ist.

München steht für Hiphop, homie, coole Rhymes und fette Beats.