Pott zu Prunk, Kapitel 1

by Anna Mayr

Ich verfalle in einen gegenteilig-klaustrophobischen Panikanfall, als ich aus dem Zugfenster sehe. Da ist so viel nichts. So viel freie Fläche. Ab und zu Ponys ohne Zaun drum, die nicht weglaufen, denn wohin sollten sie gehen, wovor sollten sie fliehen? Nur Gleise und Grün und ein bisschen Wasser, ab und zu ein Traktor. Über Stunden fehlt es um mich herum an Zivilisation. Wenn der Zug jetzt hier entgleist, dann merkt das keiner. Wenn wir jetzt hier anhalten, wie viele Stunden Fußmarsch sind es zur nächsten Wasserstelle?

ezgif-com-video-to-gif

Zuhause ist das Ruhrgebiet. Zuhause liegt Bochum neben Dortmund neben Essen neben Gelsenkirchen neben Unna neben Wittenherdecke, überall sind Schnellstraßen und zu Ikea kann man mit dem Fahrrad fahren. Ich habe lange nicht verstanden, warum Autobahnnähe ein Verkaufsargument für Immobilien sein sollte, denn zuhause verliefen zwei Autobahnen durch meinen Schulweg.

Dass es Orte gibt, wo man erst eine Stunde in die falsche Richtung fahren muss, bevor man irgendwohin kommt, finde ich immer noch schwerstens verständlich.

Wenn zuhause irgendwo eine große freie Fläche ist, dann buddeln wir wenigstens ein großes Loch, holen Kohle raus, verpesten die Luft und am Ende kippt irgendwer Wasser rein und zack ist da ein See. Um den See können dann die industriegeplagten, lungenkranken Menschen herumspazieren. Das leuchtet mir ein.

Dieses viele, große Nichts leuchtet mir nicht ein, denn wo nichts ist, da leuchtet auch nichts, da gibt es nur Jugendliche, die aus Langeweile Straßenlaternen kaputttreten und Vergewaltiger, die in dunklen Ecken lauern, aber niemand läuft vorbei, denn es ist Mittwoch und das Dorf hat nur 150 Einwohner. Geh nach Hause, Manni, geh kalt duschen, das wird heute nix mehr.

Zwischen den großen freien Flächen, auf die ich jetzt hektisch atmend starre, liegen Dörfer. Dörfer mit Kirche in der Mitte und Berg rechts, Berg links. Dörfer mit Mehrfamilienhäusern, kleinen Gärten und kleinen Straßen und Bäumen. Dörfer, die abgeschlossen sind, so für-sich und unangreifbar weil unerreichbar. Dörfer, die nur ein Schatten der echten Welt sind. Wenn ich hier groß geworden wäre, dann würde ich wohl auch Schwule klatschen. Schießt es mir durch den Kopf.

Zuhause ist Karneval. Zuhause sind Leute, die vor Hauseingänge kotzen und Clownsmasken tragen. Zuhause sind dreckige Flüsse, gelbgeflieste Bahnhofsgebäude und chaotische McDonalds-Filialen. Zuhause sagt man weißte, machste, kannste, willste, Arschloch. Der Zug hält an.

Und jetzt bin ich also hier.

Der McDonalds am Münchner Hauptbahnhof ist schwer zu finden und sehr aufgeräumt. Die Menschen am Münchner Hauptbahnhof sind noch viel aufgeräumter. Ich stolpere in einen Zeitschriftenladen und kaufe Postkarten. Die Frau an der Kasse sagt: “Servus”. Ich zögere kurz, gucke verwirrt und bleibe bei: “Tach.”