Königinnen

by Anna Mayr

Ein Paar weiße und ein Paar beigefarbene Sandalen treffen sich vor einem türkischen Café in Köln-Nippes. Ihre Trägerinnen sitzen im Schatten auf Plastikstühlen in Korb-Imitat, neben sich hat jede einen vollbepackten Rollator geparkt. Die weißen Sandalen gehören Johanna (85), deren Gesicht so rund ist, dass es trotz ihres Alters kaum Falten hat. Die beigefarbenen Sandalen gehören Annemarie (78), die sich trotz ein paar kahler Stellen eine dunkelbraune Dauerwelle stehen lässt. Vor den beiden stehen zwei Tassen schwarzer Tee. An den Nebentischen sitzen Herrengruppen mit üppigen Schnurrbärten. Neben ihnen auf dem Wilhelmsplatz tobt der Nippeser Wochenmarkt. Dies ist ihr Königreich.

Seit 50 Jahren kommen die Damen hierher, manchmal alle sieben, manchmal alle 14 Tage . “Je nachdem, wie es um die Gesundheit steht.”, sagt Annemarie. In der Plastiktüte auf ihrem Rollator steckt ein Paket mit vier Unterhemden. In Johannas Portemonnaie stecken Fotos von sechs Urenkelkindern, mit Tesafilm auf das Kunstleder geklebt.

Auf dem Wochenmarkt in Nippes kostet ein Kilo Erdbeeren einen Euro. Kopftuchtragende Frauen und Rentner drängen sich zwischen Obst, Gemüse und Kleidung. “Junge Frau, mögen Sie Gurke kaufen? Mögen Sie lieber große oder kleine? Kleine habe ich nicht”, sagt ein Mann hinter einem Gemüsestand. Dies ist kein Markt für den Bildungsbürger von nebenan. Es ist laut, unübersichtlich, anstrengend – und billig. Aber sobald die Ladenbesitzer, Marktschreier und Hausfrauen an Annemarie und Johanna vorbeikommen, werden sie stumm und höflich.

Annemarie hatte früher eine Kneipe in Weidenpesch, das hat ihr so einiges an Ruhm eingebracht. Johanna hatte früher einen Mann, “der ist seit zwölf Jahren tot und weiß immer noch nicht, dass ich die Pille genommen habe!” Annemarie erzählt vor allem von den anderen. Johanna erzählt vor allem von sich selbst.

Eine ältere Frau mit schwarzen, kurzen Haaren tritt an den Tisch, nimmt Annemarie rücklings in den Arm, sie lachen, halten Hände, wechseln zwei Worte. Dann geht die Frau weiter, Annemarie dreht sich zu Johanna um. “Seit 40 Jahren ist die hier und spricht kein Deutsch. ich würd sie ja einladen zum Kaffee, aber was soll ich denn mit der?” – “Türkisch lernen”, sagt Johanna und meint es ernst.

Die Damen diskutieren zwischen den Audienzen das Marktangebot im Kölner Norden. “Hör in Nippes, da hat sich seit fuffzisch Jahren nöscht verändert”, sagt Johanna. “Gemüse und Obst kannste hier nicht kaufen, dat is matschig”, sagt Annemarie, dafür müsse man schon zwei Bahnstationen weiter nach Longerich oder Chorweiler. Nach Nippes kommen sie für die Schnäppchen. “Die Sandalen hier”, Johanna wirft einen andächtigen Blick unter den Tisch, als müsse sie kontrollieren, ob die Schuhe zum Prahlen taugen, “haben 19,99 gekostet. Da kannste doch nix sagen.” Annemarie fügt hinzu: “Dann waren wir in Longerich. Da konstense das Doppelte!”

Eine hochschwangere Frau kommt mit einer weinenden Zweijährigen auf dem Arm aus einem Juwelierladen. “Das Kind hat Ohrlöcher bekommen”, sagt Annemarie mitleidig. Woher sie das weis, bleibt unklar. Die Zweijährige wird vom ihrer Mutter zu Annemarie getragen. In ihren roten Ohrläppchen blitzen zwei in Gold gefasste Steinchen.   beide Frauen beginnen zu rufen: “Was bist du schick! Was ist das toll!” bis die Kleine verstört lächelt und der gesamte Platz sich nach ihr umsieht. “Ali hat auch geweint”, sagt die Mutter und zeigt auf den Juwelier, der jetzt mit Reuetränen in den Augen aus seinem Geschäft kommt und das Kind mit einem Stück Schokolade um Entschuldigung bittet. Als die drei im nächsten Hauseingang verschwinden, sagt Annemarie: “Die hat schon drei Kinder von dem, jetzt kommt das vierte. Eigentlich war sie ihm schon mal abgehauen.”

Eine Mitarbeiterin des Cafés räumt die Teetassen ab und fragt, ob sie noch etwas bringen darf. Eigentlich bedient man sich hier selbst. Die Damen verneinen, ihnen bleibt keine Zeit. Der Tee und die Empfänge haben gut eine Stunde gedauert. Nun haben sie eine Mission: Zwei weitere Paare Wörishofener Bequemschuhe, für 19 Euro und 99 Cent. In Zeitlupe bewegen sich vier Sandalen und acht Rollatorenräder in Richtung der Marktstände.