Das nicht

by Anna Mayr

Ich schreibe es raus. Seit ich weiß, wie man Worte halbwegs sinnvoll halbwegs genießbar aneinanderreiht, fessele ich die Dinge auf Papier, die ich nicht fassen kann. Schreiben ordnet, schreiben geht von links nach rechts mit festgelegten Buchstaben in festgelegten Linien nach Regeln, die ich kenne. Schreiben ist meine Defensive und meine Offensive. Viel mehr kann ich nicht.

Was mich überfordert wird auf Papier zu einem Drei-Wort-Satz, was mich nicht loslässt wird zu leichter Sprache, was mich niemals loslassen soll wird zu schwerwiegenden Begriffen und bedeutungsschwangeren Formulierungen.

Aufschreiben bedeutet erfassbar machen. Aber je mehr ich fassen kann, je mehr Jahre ich habe um ihre Dauer mit der vergehenden Zeit zu vergleichen, desto mehr Dinge tragen ein Schild um den Hals. BITTE NICHT ANFASSEN steht darauf. Und anstatt danach zu schlagen und zu schreien und das Kribbeln in den Fingern nicht zu ertragen sehe ich heute hin, atme, lasse es gut sein. Gehe weiter.

Es ist mein Job, zu fragen: wie, warum. Aber leben kann man nur, wenn ab und zu etwas ohne Erklärung bleibt, wenn ab und zu mal keiner etwas fassen kann und wenn “Ich weiß es nicht” eine Antwort sein darf, keine Entschuldigung.

Manche Dinge finden auf Papier nicht statt, manches kann man nicht rausschreiben und nicht von links nach rechts, oben nach unten verständlich machen. Man kann das nicht. Man muss das nicht.