Liebe Frau L.,

by Anna Mayr

Sie hatten Recht. Vor vier Jahren an unserem Abiball haben Sie mich zur Seite genommen und gesagt, dass mir meine große Klappe im Weg stehen würde. Dass es manchmal besser ist, einfach nichts zu sagen. Ich denke regelmäßig daran (den Rest des Abends habe ich ausgiebig verdrängt) und wahrscheinlich werde ich diesen Satz genau so wenig vergessen können wie das Mahnen meiner Grundschullehrerin am Ende der vierten Klasse: “Du musst dir angewöhnen, auf dem Gymnasium weniger frech zu sein.” Ich bin daran gescheitert, diese Sätze über Sexismus zu erklären (niemand mag schließlich laute Frauen), denn ich würde Ihnen und Frau N. Unrecht tun. Wäre ich ein Mann, ich hätte schon zwanzigtausend Mal auf die Fresse bekommen.

Ich bewundere diese Menschen, die nach innen gerichtet denken und länger als eine Millisekunde überlegen, bevor sie sprechen. Ich beneide sie darum, dass ihr Herz nicht bis in den Hals schlägt und ihre Hände nicht zittern und schwitzen, wenn jemand etwas Dummes sagt. Dass sie es aushalten, nicht dagegenzusprechen. Sobald da ein Gedanke ist, denke ich kurz darüber nach, ob ich ihn aussprechen soll, nur um dann zu denken: ach, komm, mach dir nix vor, du sprichst ihn sowieso aus – und dann spreche ich ihn aus. Wenn ein Elefant im Raum steht, ersteche ich ihn, dass das Elefantenblut nur so spritzt. Stille ist eine Kompetenz, die mir abgeht. (Aber ich mache jetzt Yoga und bin voll zen, vielleicht wird es ja noch was.)

Ich habe einige beginnende Freundschaften im Keim erstickt, weil ich Menschen versehentlich beleidigt habe. Wer sich selbst ernst nimmt, den_die kann ich nicht ernst nehmen. Wie viel Spaß macht ein_e Freund_in, dem_der man nicht sagen kann, wie dumm er_sie ist?

Glücklicherweise habe ich mir einen Job ausgesucht, in dem Reden obligatorisch ist. In dem auch die Praktikantin blöde Witze machen darf und in dem der Umgangston sowieso harsch ist. Das ist eine Infrastruktur, in der ich leben kann. Keine Ahnung, wo ich sein könnte, wenn ich anders wäre, ich bin gerne hier. Und ich glaube, dass mir meine große Klappe schon einige Male in diversen Wegen gestanden hat – bis jetzt immer in den richtigen.