Soziale Medien hassen

by Anna Mayr

“Meredith hat Likes, aber kein Leben” – die Lektüre dieser Überschrift löst einen kurzen, aber heftigen Brechreiz aus. Was für eine bahnbrechende, in acht Minuten überbelichtetem Filmmaterial festgehaltene Feststellung, dass Instagram ein sehr prätentiöser Verein ist. Dies hat inzwischen doch den Erkenntniswert eines – entschuldigen Sie diese viel zu häufig von unwitzigen Menschen verwendete Metapher, aber – Toastbrots.

Ich kann es nicht mehr hören, dass wir alle viel mehr rausgehen sollen und wie schrecklich die Smartphonestarrerei ist. Ich ertrage die Verteufelung nicht. Dem Internet wird Unrecht getan.

Es gibt diese amerikanischen Teeniefilme und Serien für Erwachsene, in denen sich irgendwann aus jungfräulichstem Zufall zwei oder mehr Menschen treffen, die vorher keiner mochte, weil sie nicht in die Situationen und Rahmen und Kleidung passten, weil sie komisch sind und ihr Betragen irgendwie schwer verständlich. Nun treffen also diese zwei oder mehr komischen Menschen (meistens interessieren sie sich für Naturwissenschaften) aufeinander und auf einmal ist da Glück in allen Herzen und auch in den Herzen der normalen Menschen, weil man die Komischen jetzt endlich verpaart hat und sich nicht mehr schlecht fühlen muss dafür, sie zu verachten.

Es gibt diese Momente nicht. Die Möglichkeit, jemanden zu finden, der auf die gleiche Art und Weise komisch ist wie man selbst, ähnelt den Chancen auf einen passenden Knochenmarkspender: es braucht Zeit, Durchhaltevermögen und unendlich viele Probanden. 

Das Internet ist eine riesige Knochenmarkspenderdatei. Das Internet ist Raum für Sozialisation, für Begegnung, für fucking Liebe und liebevolles Fucking für diejenigen, die nicht passen, denen niemand gerne Raum gibt, weil sie darin stören. Das Internet ist ein Safe Space für Leute, die sich gerne an den Hoden von der Decke hängen lassen wollen und dabei eine Bibermaske tragen. Ein Ort, an dem es okay ist, wenn man die ersten dreihundert Stellen von Pi kennt, aber nur ungern anderen in die Augen schaut. Das Internet ist da, wenn keiner, dessen physische Präsenz du kennst oder erträgst, versteht, warum du diese Musik hörst oder dich so anziehst oder bei diesem Witz nicht lachst.

An manchen Orten im Internet ist es egal, ob du fünfhundert Kilo wiegst und dein Zimmer seit zwei Wochen nicht verlassen hast, solange du der Gilde treu bleibst. Und an manchen Orten im Internet ist es egal, ob du Freunde hast oder witzig bist oder Angst vor die Tür zu gehen, solange du ein hübsch geschminktes Gesicht und Markenklamotten hast. Auch diese Orte muss es geben, denn jemand wohnt vielleicht darin.*

Man sollte mehr rausgehen, man sollte mehr Menschen treffen, die digitale Welt ist gefährlich. Dass man 2016 überhaupt noch unterscheidet zwischen digitaler und echter Welt, darin besteht doch das Problem. Dass 2016 fünf Freunde im Schmetterlingskundeforum weniger zählen als ein Bekannter, der in der gleichen Stadt wohnt und ab und zu Anlass ist, die Tierleichen aus der Wohnung zu bringen und Febreze zu sprühen, das ist, mit Verlaub, bescheuert. Wer im Internet ein aufmerksamkeitsgeiler, prätentiöser Typ ist, der wäre das auch schon 1968 gewesen. Der Unterschied ist: im Internet bleibt keine_r allein, der_die sich 1968 vielleicht umgebracht oder die inhärente Faszination für antike Werkzeuge einfach runtergeschluckt hätte, um irgendwie sozial zu funktionieren.

Es sei jedem freigestellt, lieber mit unmittelbar berührbaren Menschen Zeit zu verbringen. Ich selbst habe manche meiner digitalen Mikrokosmen so lieb wie jede_n andere_n gute_n Freund_in. Und wünsche mir manchmal, wenn ich das Haus verlasse und mit nahestehenden (im Sinne von: räumlich) Personen spreche, im Internet geblieben zu sein.

 

*Leider ist das Internet auch ein Ort, an dem sich Vollidioten organisieren. Dass das aber auch ohne gut funktioniert, zeigt die Geschichte.