Komm, ich nehm dich mit, an einen dunklen Ort im Internet

by Anna Mayr

Ich habe in letzter Zeit wenig zu tun. Das heißt, ich habe viel zu tun, aber wenig davon möchte ich tatsächlich gerne tun. Eine vertrackte Situation, in der jede Methode des gedankenlosen Zeitvertreibs zu erkunden ist.

Instagram ist kein neues Phänomen. Es gibt diese App schon Ewigkeiten und ich finde es äußerst niedlich, dass wir immer von Schnelllebigkeit des Internets und digitalen Nomaden sprechen, obwohl es doch tatsächlich Jahre brauchte, bis uns Facebook endlich gelangweilt hat. Nun ist man also bei Instagram, wobei die Jugend, wie ich gehört habe, “Insta” sagt und eigentlich auch schon bei Snapchat ist. Egal, ich verstehe die Menschen unter 20 nicht mehr, seit ich 17 bin.

Ich besitze nun also drei Profile. Eins für mich (56 Follower), eins für die Sprachschule, deren Social Media ich ernähre (61 Follower) und eins für die Katze (230 Follower).

Als Neuinhaberin eines Katzeninstagramprofils hat man große Hoffnungen. Followerwellen, Ruhm, Ehre, Werbeverträge, sponsored content. Nie wieder arbeiten, hauptberuflich Katzenfotos, endlich auf der Welle des Kapitalismus schwimmen. Tatsächlich gibt es aber einige, die vor mir und Katze Paula auf die Idee gekommen sind, Lohnarbeit durch Internetfame zu substituieren. Da wäre die Katze mit Down-Syndrom, die Katze mit Überbiss, die besonders hässlichen Katzen und die dreibeinige Katze, die surft. Ja, verdammt, s u r f t. Kaum eine Lücke auf dem Marktplatz des Katzenbilderangebots, die es noch zu füllen gäbe. Meine Beziehung zu Katze Paula wird deshalb durch ihren ordinären Lebensstil und ihr noch viel ordinäreres Aussehen zunehmend belastet. Nach den ersten dreißig Mitleidsfollowern beschlich mich langsam die Erkenntnis: das führt zu nichts, wenn sich die Katze jedes Mal wegdreht, sobald ich die Handykamera zücke. Sie müsste weniger schlafen, mehr niedliche Dinge können, jonglieren oder so, tanzen wäre noch besser, oder halt ein paar Beine verlieren, was tut man nicht alles.

Manchmal werde ich nostalgisch und denke an Facebook. Bei Facebook ging es irgendwie noch um Information. Facebook war eher eine digitale Visitenkarte, ein Unter-ich. Instagram ist ein digitales Abflussbecken, eine ekelhafte Parallelgesellschaft, in der nichts zählt außer Aufmerksamkeit – wem man sie gibt, wie viel man gibt und vor allem: wie viel man bekommt. Es geht nicht mehr um Kommunikation. Es ist ein oberflächliches, anstrengendes Spiel, in dem der einzig unbestimmbare Faktor der Mensch hinter dem Katzenprofil ist. Und ich spiele mit.

Nach ein paar Bildern verstand ich, dass die Profile, die Paulas Bilder durch-herzten und Kommentare schrieben, welche ausschließlich aus Emojis bestanden, überhaupt gar kein ernsthaftes Interesse an dieser äußerst flauschigen und liebenswürdigen Katze hatten. Was Gefälligkeiten angeht, ist Instagram wie sehr schlechter Sex: Geben um des Nehmens willen. Ich gab also, ausgiebig, emojilastig und mit klarer Erwartungshaltung. 

Keine Katze ist interessant genug, um einfach so berühmt zu werden. In Paulas Namen gefallen mir deshalb nun täglich um die hundert Bilder, die ich nicht etwa nach Schönheit auswähle, sondern nach Wahrscheinlichkeit des Zurückgefolgt und -geliketwerdens. Man muss die Profile finden, bei denen der Follow-Finger noch locker sitzt, die selbst noch ein bisschen needy sind was die Aufmerksamkeit angeht und sich schon von einem relativ freundlichen Kommentar und ein paar Mitleids-Likes für verwackelte Pixel überzeugen lassen. Menschen, die denken, dass irgendjemand sich für zwanzig Perspektiven ihrer auf einem Ball herumkauenden Katze interessieren würde. Alle mit >1000 Followern sind meistens schon zu arrogant, um sich den kleinen Profilen zu erbarmen.

In den Kommentaren spricht man mit Katzenstimme oder spricht zumindest für die Katze über andere Katzen “I’m in love with you, my furry friend Herz Emoji mit Herzaugen Herz Katze mit Herzaugen.”, obwohl man eigentlich nur schreiben möchte: “NOTICE ME, NOTICE ME, LIKE MY STUPID CAT PICTURES.”

Mit der Zeit habe ich mir das Vokabular der Community angeeignet (Furriend, Pawsome, Catstagram), schreibe inzwischen mehr Hashtags als Hausarbeiten und bei weniger als 60 Likes für ein Bild beschleichen mich Selbstzweifel. Hinterfragen. Zähneknirschen, Lippebeißen. “I follow back all cats” in den Profiltext schreiben, um wenigstens ein paar Fliegen zu fangen. Der Katze die Schuld geben. Fell zu struppig, Verhalten zu langweilig, zu viele Beine.