Gilmore Girls Reunion – You don’t know my struggles

by Anna Mayr

Auf einmal sind alle große Fans. Auf einmal liken und teilen und yay-en alle darüber, wie toll es ist, dass Netflix Gilmore Girls wiederauflebenlässt und verdammt noch mal, ich bin wütend darüber.

Ich gucke nie Fernsehen und es gibt nur wenige Serien, die ich mir ansehen kann, denn Action geht nicht und Verschwörung und Gewalt gar nicht und zu viel Spannung sowieso nicht und Krankheiten sind schon schwierig.

Bei Grey’s Anatomy spule ich vor, wenn man Blut sieht.

Ich mag mein visuelles Entertainment so flach, geräuschlos und handlungsarm wie möglich, ich möchte zwischendurch aus dem Raum gehen und Tee kochen können, ohne zurückspulen zu müssen, ohne etwas zu verpassen. Ich möchte abgelenkt werden von allem, was schlecht ist auf der Welt.

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Gilmore Girls ist die eine Serie, die ich wirklich liebe. Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich die 7 Staffeln mit jeweils 23 Folgen à 40 Minuten bestimmt 20 bis 30 Mal gesehen habe. Das ist krank, ich weiß. Aber wenn es mir besonders schlecht geht, kann ich nichts anderes sehen als Gilmore Girls, nicht mal das Draußen, nicht mal Hundewelpen.

Ich kann fast jede Szene mitsprechen, ich kenne jeden Charakter, jeden Ort, jede popkulturelle Referenz und den Namen und Inhalt jeder Folge. Wenn mir jemand sagt, dass ich gut Englisch spreche, antworte ich: Thanks, I got it from Lorelai and Rory.

Ich kenne die Fehler. Die Statisten, die zu häufig in einer Szene durchs Bild gehen. Die Storylines, die nicht zuende geführt werden. Die ersetzten Schauspieler. Die vollkommene Abwesenheit von Homosexualität und die homophoben Witze, die ich auf den Drehzeitpunkt schiebe, damit es nicht ganz so weh tut.

Ich gucke Gilmore Girls, seit ich so alt bin wie Rory in den ersten Folgen. Ein bisschen fühle ich mich, als wäre ich mit ihr aufgewachsen, als hätten wir Entscheidungen gemeinsam getroffen, Gefühle gemeinsam gefühlt. Einmal habe ich auf Youtube ein “Behind the Scenes” geguckt und angefangen zu weinen, weil alles so eindeutig nur ein Filmset war, weil Sookies Wohnzimmer neben Lorelais Küche ist und alles nur aus Pappe.

Die neuen Folgen und der Hype darum bedeuten vor allem: Das ist nur eine Serie. Das sind nur Schauspieler. Man kann sie kaufen und dann spielen sie und gehen wieder nach Hause.

Natürlich werde ich die Folgen gucken. Wenn man die Nachricht bekommt, dass jemand einen Unfall hatte, fährt man ins Krankenhaus anstatt so zu tun, als sei es nicht passiert. Am Wahlabend klickt man um 18 Uhr auf Spiegel Online, auch wenn die Ergebnisse beschissen sein könnten, weil durch Ignoranz nichts weggeht und früher oder später kommt es sowieso und holt dich.

Aber ich mache mir Sorgen. Ich habe das Gefühl, dass niemand, der diese Serie nicht so auswendig kennt wie ich, das Recht auf Freude hat.

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Was, wenn sie Stars Hollow verändern, weil sie denken: das fällt niemandem auf! Was, wenn die neuen Folgen meinen Blick verändern auf die letzten sieben Staffeln – meinen persönlichen Safespace? Wenn alles, was ich mir für L&R in den letzten Jahren erträumt habe, in einer kitschigen Netflixproduktion zunichte gemacht wird?

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Diese 4 Folgen à 1 Stunde schicken sich an, mein wohliges Gefühl der Abgeschlossenheit zu zerstören. Meine Lieblingsserie, meine eingebildeten Freunde und die einzige heile Welt, die ich mir vorstellen kann, sind in Gefahr. Es macht mich fertig. 

Wenn ihr, die ihr vielleicht eine Staffel im Nachmittagsprogramm von Pro7 verfolgt habt und wahrscheinlich nicht einmal wisst, wie der Mann von Lukes Schwester mit bürgerlichem Namen heißt, euch darüber freuen wollt: bitte.

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