Einmal im Jahr

by Anna Mayr

25.12., 01.10 Uhr. Vor der Tür triffst du auf zwanzig, dreißig Menschen, die du irgendwann mal kanntest. Du tauschst kleine Konversationspäckchen mit Banalitäten drin, verpackt von einem Äußeren, das sagen will: ich habe mir keine Mühe gegeben, gut auszusehen, denn ihr seid mir alle egal, aber nicht egal genug, als dass es mir wirklich egal wäre, wie ich aussehe, denn eigentlich geht es an diesem einen Tag doch darum, den Eindruck zu machen, man hätte sie alle beisammen, zumindest im Kleiderschrank oder wenigstens die Gesichtshaut. Den Eindruck machen, das Leben geschissen zu kriegen, am besten besser als alle anderen, in Strumpfhosen ohne Fussel und Schuhen, auf denen du laufen kannst. Schrottwichteln mit Eindrücken.

Manche Menschen sind so schrecklich egal geworden, dass es nicht mal mehr Spaß macht, über sie zu lästern. Manche Wiedersehen verlaufen ohne Begrüßung, aha, du lebst noch, gut zu wissen. Für manche reichen eine Umarmung und zwei Sätze, für mehr ist die Musik sowieso zu laut, der aktuelle Stand, viel ändert sich nicht, und wenn sich etwas bahnerbrechendes geändert hätte (Heirat, Kindsgeburten, Todesfälle, tralala), wäre man wohl kaum hier, oder? Bei manchen bleibst du länger stehen oder gar sitzen und je mehr sie reden desto greller leuchtet in deinem Kopf das Neon-Schild mit der Frage auf WARUM HABE ICH DICH NOCHMAL GEMOCHT? Aber am traurigsten sind die Wieder-Treffen, die dich denken lassen: Mensch, du hast dich in eine Richtung entwickelt, die ich nicht scheiße finde und davon würde ich gerne mehr sehen, denn es gibt nicht so viele Menschen, die nicht scheiße sind, aber irgendwo haben wir mal beide die Ausfahrt verpasst, an der wir hätten Freunde werden können und jetzt ist es zu spät und sowieso auch irgendwie albern. Die Auswahl am Büffet möglicher Freundschaften ändert sich stetig und manches wird abgeräumt, bevor man es auf den eigenen Teller hätte retten können. Menschen als All-you-can-eat, das Bild gefällt mir.

04.10 Uhr und immer noch kein Lied, zu dem man hätte tanzen wollen. Neben dir auf der Tanzfläche betrügt einer den du flüchtig kennst seine neue Freundin, die er dir vor einer halben Stunde noch vorgestellt hat. Der DJ lässt seit zwanzig Minuten einfach eine Playlist laufen, wahrscheinlich vögelt er auf der Toilette mit seiner Jugendliebe.

 

(Gut zu wissen, dass es zwei drei vier fünf Menschen gibt, die mitkommen, die an jeder Ausfahrt gestanden haben, die sich nicht abräumen lassen, die früh genug sagen: lasst uns gehen.)