Semesterstart

by Anna Mayr

Die Mensa erinnert dieser Tage an einen Schweinemastbetrieb. Man sitzt in Reihen, schaufelt Nahrung in sich hinein, so schnell wie möglich und mit traurigen Gesichtern. Ich sitze neben einer Gruppe Student_innen, sie müssen sich schon länger kennen, denn sie sprechen von früheren Semestern, dem ersten und zweiten, aber eigentlich unterhalten sie sich nur darüber, wie schlecht das Essen hier ist und wie schlecht es im ersten und zweiten Semester war. Warum redet ihr dann überhaupt miteinander, wenn ihr keine Themen habt außer die generelle Unzufriedenheit mit der Situation? Warum sitzt ihr dann hier, schaufelt Kohlenhydrate für 2,40 € in eure Mäuler und pupst übelriechend in meine Atemluft? Das ist doch erbärmlich, wenn man so zwanghaft Konversation treiben muss über Nichtigkeiten, wenn man nicht einfach mal die Klappe halten oder ein Buch lesen kann, still. (ich liebe das mensaessen, die mensa ernährt mich jeden tag, auch in den ferien, ich kenne den koch inzwischen, er steckt mir ab und zu einen becher schokopudding zu, ich lasse nichts auf die mensa kommen, von niemandem)

Ich weiß noch, vor drei Jahren, als mir alle so erwachsen vorkamen in diesem Laden, sie waren gut angezogen und wohnten in Einzimmerwohnungen, sie fuhren auf grellfarbenen Hollandrädern mit Blumendekoration aus Plastikmüll. Es hat eine Weile gedauert, bis ich merkte, dass es kein verfolgenswertes Ziel ist, so zu werden.

Monika Maron – Flugasche

Monika Maron – Flugasche

Vor drei Jahren dachte ich, ich dürfte endlich mit dem Kopf durch Wände laufen in der Uni, über Quatsch diskutieren, Literatur lesen statt schlechte Interpretationen im Anhang von Reclamheften. Ich hatte gehofft, die Menschen hier hätten alle eine Meinung zu Brecht und Kafka gelesen oder wären zumindest daran interessiert, aber tatsächlich wollten alle vor allem Lehrer_in werden, mit dem geringsten Widerstand, nur durch bereits ausgehebelte Türen laufen und nach drei Jahren für den Master anmelden. Niemanden in diesen Veranstaltungen hat je ein Werk berührt, das nicht bei der Mayerschen auf dem Bestseller-Tisch liegt, niemand kann das Bauchkribbeln einer genialen Interpretation verstehen. Die gelangweilten Gesichter legen das Handy zur Seite und tragen sich auf eine Liste ein, die betitelt ist: “Ich habe die Ansprüche erfüllt, meine Wohnung verlassen um für anderthalb Stunden an einem anderen Ort gedankenlos auf den Tod zu warten.”

Ich hatte von stürmischen Debatten in Vorlesungen geträumt, von Wortgefechten über Hörsaalsitzreihen hinweg, vom empörten Hinauslaufen und Augenhöhe. Das einzige, worüber man sich tatsächlich herausnimmt zu diskutieren sind Credit Points und Teilnahmevoraussetzungen, niemanden juckt das Thema, solange sie ohne größeren Aufwand das Modul abschließen können. Die Professor_innen haben keine Lust, Einwände nachzuvollziehen, ihre Grundqualifikation ist vor allem die Faszination mit dem Klang der eigenen Stimme. Um die dahinsiechenden Zuhörer_innen schert sich keiner, wichtig ist es, die eigene Stimmbanderektion aufrecht zu erhalten, ergeilend einzig der sonore Ton und die Zahl der zum Anwesendsein Gezwungenen.

Ich habe diesen Ort am liebsten in den Ferien, die auf Deutsch Vorlesungsfreiezeit heißen. Wenn ich in der Bibliothek Bücherberge baue, die Schuhe ausziehe und zwanzig Seiten über für die Welt vollkommen irrelevante Texte tippe, wenn ich mich empören kann über irgendeinen Satz in irgendeiner Publikation und niemand sich dafür interessiert. Wenn niemand da ist, der sich beschwert und hasst und verbeamtet werden will und niemand versucht, mir Meinungen aufzudrängen und mich mit Fakten zu mästen – dann gelingt es mir für ein paar Stunden zu vergessen, dass ich Studentin bin und mich zu fühlen, als würde ich studieren.