Berlin – Gdańsk

by Anna Mayr

Die Durchgangstür klemmt. Zwischen den Waggons hört man die Schienen kreischen, ein bisschen verzweifelt. Ich weiß nicht, was das Tuten soll auf der leeren Strecke, alle zwei Minuten, und das Anhalten im Nichts von Zeit zu Zeit, vielleicht Rehe auf den Gleisen. Kann das sein? Die Menschen verfallen nicht ins Englische, wenn wir uns nicht verstehen. Sie sind stoisch was das angeht, nuscheln mir den gleichen Satz dreimal gleich entgegen.

Wir halten wieder irgendwo. Es gibt ein Schild mit einem Dorfnamen und einen Bahnsteig, “wyiście do miasta”, Durchgang zur Stadt steht an einer Treppe. Rechts und links ist weit und breit kein einziges Haus in Sicht.

Der Zug fährt weiter, die Tür schließt sich erst während der Fahrt automatisch. Die Durchgangstür klemmt immer noch. Im Bordbistro steht der Kaffee in Porzellantassen auf orangenen Tischplatten.

Ausblick

Es ist zu voll. Ein Mann hat sich mit seinem Laptop auf die Treppe vor der Tür gesetzt, neben ihm hängt eine Kleidertasche, seinem Gesicht nach zu urteilen ist entweder ein Anzug drin oder eine Leiche. Er sitzt allen im Weg, aber es ist allen egal, niemand entschuldigt sich fürs drüberstolpern, niemand empört sich. Aus einem Abteil riecht es nach Füßen, der lösliche Kaffee ist umsonst.

Als ich die Klospülung drücke, flackert das Licht in der Kabine mit dem Rhythmus des sprudelnden Wassers. Die Sitze haben eine Einheitslehne, in keine Richtung verstellbar und in jeder Sitz- und Liegehaltung unbequem. Es riecht nach Salami, die Kinder spielen schweigend auf dem Smartphone ihrer Oma.

Im nächsten Bahnhof öffnen sich alle Türen, auch die auf der falschen Seite, da wo kein Bahnsteig ist. Niemand springt in den Tod, alle steigen dort aus, wo es Sinn macht.

Die Durchsagen der Schaffner kann man nicht verstehen, auch wenn man der Sprache mächtig ist. Aber es gibt keine fragenden Gesichter, kein Mensch hat mit verständlichen Durchsagen gerechnet. Warum sollte er auch deutlich sprechen, ihm hört eh niemand zu.

Der Zug fällt langsam auseinander, während wir drinsitzen, aber bis zum Ziel reicht es noch. Es ist kein Reiseerlebnis, keine Zeit für uns. Aber am Ende kommen wir an und haben uns nicht aufgeregt, über nichts.