Frau guckt auf den Rhein und flennt

by Anna Mayr

Ich weine ein letztes Mal, als der Bus Richtung Westen über die Brücke fährt. Dieser verdammte Fluss, das einzig Vermissenswerte an dieser Stadt, relativiert den Pathos der Situation.

Frau mit Augenringen so dick wie Aldi-Tüten guckt auf den Rhein und flennt. In den zwei Taschen im Busgepäckraum nur ihre wichtigsten Besitztümer (fünfzig Kleider, zehn Farben Nagellack, zwei Sorten Tee, eine Kaffeemaschine, Bilderrahmen, Notizblock). Bei Abfahrt mit dem letzten Bargeld noch zweihundert Kronen für Übergepäck bezahlen müssen.

Es ist besser, bei Abschieden wenig zu schlafen. Müdigkeit macht den eigenen Willen schwächer, die Eindrücke egaler, die Welt leichter zu akzeptieren. Akzeptiere, dass keine Globalisierung diesen Fluss verschieben kann. Er ist hier, du bist hier. Manches, was es sich zu vermissen lohnt, ist woanders. Das bleibt so.

Ankommen in einem trancehaften Zustand, wie jedes Mal. Die Katze umarmen, nochmal weinen.

Schlafen. Beim Aufwachen den kurzen Moment der Ungewissheit genießen. Wo habe ich mich gestern liegen lassen? Dann vorm Supermarkt auf der Sülzburgstraße stehen, Frauen mit Kopftüchern schreien sich an, Kindergartenkinder gehen vorbei, sie heißen alle Tjark-Thorben oder Elisa-Sophie. Ein Obdachloser unterhält sich mit einer alten Dame. Nein, ich schlafe im Zelt, das gefällt mir, da bin ich immer in der Natur. Ist das nicht kalt im Winter? Ach, ach, im Winter, da hab ich, das ist schon, na gut, wenn Sie meinen. Ich wünsch was, ne? Ich wünsch was.

Es ist kalt, aber es regnet nicht. It’s alright, it’s okay. Zuhause und ich, wir sind bis auf Weiteres versöhnt.

Au fond j'crois qu'la terre est ronde,
Pour une seule bonne raison:
Après avoir fait l'tour du monde
Tout c'qu'on veut c'est être à la maison.