Wie Smarties – ein letzter Faktencheck

by Anna Mayr

  • Ab dem 1. März gibt es die Pille danach in Deutschland ohne ärztliches Rezept in Apotheken zu kaufen – wie in allen anderen EU-Staaten schon seit Langem. Es ist also eigentlich zu spät, sich über dieses Thema zu echauffieren.
  • Ich habe die Pille danach vor Jahren genommen. Es macht mich immer noch wütend, wie peinlich es mir damals war, wie stigmatisiert ich mir vorkam, was für eine Odyssee es war, diese klitzekleine Tablette zu bekommen. Es ist ekelerregend, wie in Zeitungen dieser Tage über “die Frauen” gesprochen wird, die es mit der Verhütung wohl einfach aus Dämlichkeit nicht hinbekommen.

 

  • Das Medikament ist trotz Rezeptfreiheit vom Online-Versandhandel ausgeschlossen und soll wohl am besten direkt in der Apotheke eingenommen werden.
  • Gynäkolog_innen machen sich nun sehr laut Sorgen um ihr Geld die Gesundheit ihrer Patientinnen.

Soeben las ich diesen Text, für den vermutlich verschiedene, ähem, Expert_innen, ihre Bedenken zur Pille danach in Telefonhörer palavern durften, um sie später unhinterfragt als Druckversion vorgelegt zu bekommen.

Da wäre zum Beispiel Herr Werner Harlfinger, seines Zeichens “Kongresspräsident der Frauenheilkundetagung Foko 2015 in Düsseldorf” und, nunja, niedergelassener Gynäkologe.   Zur Info: Die obligatorische Untersuchung, die einem Pillenrezept vorausgeht, dauert etwa fünf Minuten, manche Gynäkolog_innen lassen sie sogar vollkommen weg, wenn sie die Patientin kennen und stellen einfach nur mit mitleidigem und vorwurfsvollem Blick das Rezept aus. Die meiste Zeit sitzt da nämlich eine komplett gesunde Frau im Behandlungszimmer, der nichts fehlt, außer ein kleines Stück Papier mit Unterschrift und Stempel. Quasi: Traumpatientin! Kein Wunder, dass man die Dollarzeichen in den Augen der Gynäkolog_innen zittern sehen kann.

“Wir Frauenärzte sind in großer Sorge, dass die Zahl der ungewollten Schwangerschaften und der Abbrüche steigt.” Verblüffender Kausalzusammenhang. Man bringt ein rezeptfreies Medikament auf den Markt, das es Frauen ermöglicht, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern – und steigert damit die Zahl der ungewollten Schwangerschaften. Vermutlich, weil Menschen (Frauen insbesondere) stets vollkommen unverantwortlich handeln. Freiheit sind Menschen in diesem Land nicht gewohnt, man sollte sie den Frauen jetzt nicht Hals über Kopf zumuten. Auch Kondome steigern übrigens die Zahl der HIV-Infektionen, und Erste-Hilfe-Kästen im Kofferraum die Zahl der Unfalltoten.

Weiter im Text: “Wenn UPA höher dosiert wird und bereits eine Schwangerschaft vorliegt, kann es zu einem Abort kommen, also zu einer Abtreibung und zu lebensbedrohlichen Blutungen für die Frau.” Eine Tablette ellaOne enthält 30mg Ulipristal. Laut Bericht der European Medicines Agency ist selbst eine Einzeldosis von 200mg gut verträglich. Das wären etwa 6 Tabletten auf einmal. Liebe Menschen da draußen, die ihr dieses Präparat noch nie geschluckt habt: es schmeckt nicht gut. Es macht keinen Spaß. Nicht jede Provinzapotheke hat es immer vorrätig. Und darüber, dass der Wirkstoff überhaupt zu einem Abort führen kann, gibt es keine validen Daten. Wenn ich Smarties essen möchte, dann kaufe ich die im Rewe für deutlich weniger Geld (eine ellaOne kostet um die 50 Euronen).

 

Nächster Punkt des besorgten Frauenarztes: bei hohem Gewicht wirke das Präparat nicht mehr und “es dürfte wohl schwierig werden für den Apotheker, nachts durchs Fensterchen einzuschätzen, wie viele Kilos die Frau vor ihm wiegt.” Nun sind also nicht nur die Frauen unmündige Wesen, sondern auch die Apotheker_innen dieses Landes brauchen offenbar Nachhilfe in ihrem Job. Abgesehen davon, dass die nachlassende Wirkung nicht einmal wasserdicht nachgewiesen wurde – wer mindestens vier Jahre Pharmazie studiert hat, dem traue ich zu, eine umfassende Beratung inklusive Gewichtswarnung zu gewährleisten.

Wen befragt man als nächstes zur Pille danach? Natürlich, eine Hebamme. Someone who is in the business of…naja, halt irgendwas mit Gebärmutter. Die wird’s schon wissen.

Genau so qualifiziert klingen dann auch die Aussagen von Frau Gaby Robes: “Den jungen Frauen wird es jetzt supereinfach gemacht, ich sehe das sehr kritisch […] Die Frauen haben eine größere Freiheit. Aber es könnte sein, dass damit leichtsinnig umgegangen wird, auch mit Blick auf Sexualität, auf wechselnde Partnerschaften.” Die ideale junge Frau hat nämlich am besten keinen Sex oder lässt ausschließlich vom Ehepartner den pflichtgemäßen Beischlaf an sich vollziehen. Warum klingt es so negativ, wenn Frauen eine größere Freiheit zugestanden wird, wenn ihnen etwas leicht gemacht wird? Liebe Hebammen, ihr seid großartig, wenn es ums Kinderbekommen geht, aber bitte haltet euch fern von dem, was in meinem Bett passiert. Und selbst wenn ich das Bedürfnis hätte, die Pille danach mehrmals im Monat als reguläres Verhütungsmittel zu verwenden – wer will es mir verargen? Nochmal: die Wirkung ist nicht schön, sie ist manchmal schmerzhaft, sie kann einen umhauen. Aber wie oft und in welchem Rahmen ich umgehauen und flachgelegt werden möchte ist meine Entscheidung allein.

Zum Schluss noch das Wort zum Sonntag von Birgit Seelbach-Göbel, einer Gynäkologin – wie erwartet: “Es wird eine Unmenge von Frauen geben, die die ‘Pille danach’ einnehmen wird. Leider auch viele, die sie gar nicht brauchen, weil sie vom Zyklus her nicht schwanger werden können.” Tatsächlich ist das Quatsch. Ich würde mit Frau Seelbach-Göbel wetten, dass sie selbst Frauen, die außerhalb der fruchtbaren Tage ungeschützten Sex haben, die Pille danach verschreiben würde. Denn wie wir alle damals in der BRAVO gelernt haben schützt bluten vorm befruchten nicht. “Vom Zyklus her” kann frau immer schwanger werden. Und: nur, weil die Pille danach rezeptfrei ist, heißt das nicht, dass andere Verhütungsmittel obsolet werden oder die Pille danach deutlich häufiger eingenommen wird – dies beweist das Beispiel Frankreich, wo die Pille danach seit 15 Jahren rezeptfrei ist und überraschenderweise noch keine Panik ausgebrochen ist, keine Todesfälle durch Sturzblutungen zu verzeichnen waren und Frauen als mündige Wesen akzeptiert werden. Das ist in Ordnung. Wir können uns jetzt wieder beruhigen.