Ab sofort zu vermieten

by Anna Mayr

Da ich mein Zimmer im Wohnheim Komenskeho verlasse, suche ein eine_n Nachmieter_in. Wobei, hier ist das Rumgegendere eigentlich überflüssig: eine Nachmieterin. Das Zimmer selbst wurde seit etwa sechs Monaten nicht geputzt. Bevor du einziehst wird dies allerdings auch nicht mehr geschehen. Die neun Quadratmeter sind vollmöbliert, wobei die Schranktüren auch als Aufhängevorrichtung zu verwenden sind, da sie sich nicht schließen lassen. Die Wände sind uringelb gehalten, was dem Zimmer besonders am Abend, wenn die zwei Neonröhren an der Decke aufleuchten, eine Atmosphäre verleiht, die einem Strafgefangenenlager in nichts nachsteht. Sowohl die Heizung als auch die Neonröhren geben ein konstantes, eindringliches Geräusch von sich, weshalb das Zimmer besonders für nervöse oder neurotische Menschen ungeeignet ist. Bei meinem Einzug lagen unter dem Kissen des frisch bezogenen Bettes einige kurze, braune Haare, die ich für eventuelle spätere Nutzung auf den Boden geworfen habe. Für meine Nachmieterin würde ich gratis eine Schlafmaske hinterlassen, da die Vorhänge eher lange, breite Gardinen sind, die kein Licht filtern. Wichtig ist deshalb unter anderem auch ein gutes Körpergefühl, da du dich regelmäßig beim Umziehen den Nachbarn von gegenüber präsentieren wirst.

Dein Zimmer (wird ohne Krams übergeben)

Die Gemeinschaftsräume teilst du dir mit sechs weiteren Studentinnen, wobei du etwa die Hälfte von ihnen niemals zu Gesicht bekommen wirst. An Sozialisation besteht in der Wohngemeinschaft von keiner Seite Interesse. Man ist damit beschäftigt, im eigenen Zimmer laut Serien zu schauen oder laut zu schluchzen. Das sorgt für eine überaus beklemmende Atmosphäre. Um diese zu verstärken, lässt sich keine Tür der Gemeinschaftsräume abschließen, vermutlich, um eventuelle depressive Selbstmörder_innen, die sich aufgrund der Wohnheimatmosphäre grundlegend gegen ein Weiterleben entscheiden, einfacher abtransportieren zu können.

Der Flur, auf dem du niemals jemanden treffen wirst.

Der Flur, auf dem du niemals jemanden treffen wirst.

Auch die Türen zu den Toiletten lassen sich nicht verschließen. Peinliche Situationen hat es während meines Aufenthalts allerdings nicht gegeben, da die Mitbewohnerinnen sehr darauf achten, ihre Zimmer nicht zu verlassen, wenn die Gemeinschaftsräume gerade in Benutzung sind. So kann ungewollte Konversation oder gar Konfrontation vermieden werden. Bitte bringe schon bei Einzug eine eigene Rolle Toilettenpapier mit, denn geteilt wird nichts. Zur Nutzung des Badezimmers sind selbstverständlich Flipflops unentbehrlich.

auch unschuldig gemeinsam benutzbar

Die Dusche: auch unschuldig gemeinsam benutzbar

Das Toilettenpapier war auf diesem Bild ein Versuch der Annäherung an eine Begegnung und scheiterte sogleich in demselben.

Das Toilettenpapier war auf diesem Bild ein Versuch der Annäherung an eine Begegnung und scheiterte sogleich in demselben.

In der Küche stehen alle Utensilien bereit, die man braucht, um Kranwasser zu trinken oder ein Butterbrot zu schmieren. Vorausgesetzt, man bringt sich ein eigenes Butterbrot, ein eigenes Glas, einen eigenen Teller und ein eigenes Messer mit. Ich persönlich habe mein Essen stets auf meinen eigenen neun Quadratmetern in Plastiktüten gelagert und nichts verzehrt, was zubereitet werden müsste. So habe ich innerhalb von einer Woche zwei Kilo abgenommen. In den Kühlschränken vergammeln die Essensreste der Bewohnerinnen der letzten dreißig Jahre, für die sich selbstverständlich niemand verantwortlich fühlt. Mit den Haaren, die sich auf den Böden der Gemeinschaftsräume finden, ließe sich ein mittelständisches Unternehmen für Perückenherstellung gründen. Einmal in der Woche kommt eine unfreundliche Frau, um den Müll mitzunehmen, für den ein einziger winziger Plastikbeutel im Flur zur Verfügung steht.

Habe mich nicht getraut, reinzugehen: die Küche.

Habe mich nicht getraut, reinzugehen: die Küche.

Das Internet (LAN-Verbindung) ist schnell, funktioniert aber aus unerfindlichen Gründen nur mit Google Chrome. Das Gebäude verfügt über einen 24h-Rezeptionsservice und ist nur mit Studierendenausweis zugänglich. Das bedeutet: das Personal am Eingang drückt für jede_n sofort den Aufmachknopf, der_die annähernd nach Student_in aussieht. Das Potential für Diebstähle, Raubmord und Straftaten allerlei ist also vorhanden.

Habe ich dein Interesse geweckt? Die durchaus sehr niedliche und hilfsbereite, kommunikativ aber wenig begabte Dame an der Rezeption wird dich gerne zu einem Besichtigungstermin empfangen.