Verkackte Emanze

by Anna Mayr

Dieser Text ist für alle Menschen, die davon überzeugt sind, dass wirklich emanzipierte Frauen keinen Genderquatsch brauchen. Dass die ganzen durchideologisierten Emanzen sich endlich einkriegen sollen. Dass wir größere Probleme haben als Gendergerechtigkeit, schließlich sterben in Afrika Menschen und in Deutschland hungern Kinder.

Die Uni Köln hat kürzlich vor einem hässlichen Gebäude ein Schild aufgehängt. Radfahrende bitte absteigen steht dort und als ich neulich mit einer Freundin vorbeifuhr, bemerkte sie die komische Endung. “Lächerlich, wer braucht das schon.” Sagte sie. “Ich.” Sagte ich. Es entfaltete sich eine Diskussion über Gendering, dann die Frauenquote. Die üblichen Argumente wurden vorgebracht (ich will eingestellt werden wegen meines Könnens, das ist doch ungerecht den Männern gegenüber, dann bekommen ja unterqualifizierte Frauen einfach so Jobs) und von mir widerlegt (du wirst trotz deines Könnens wegen deiner Gebärfähigkeit nicht eingestellt werden, frau muss für den ausgeschriebenen Job auch tatsächlich qualifiziert sein, um vorgezogen zu werden). Eine Woche später, gleiche Freundin, anderer Ort. “Ich gehe jetzt wahrscheinlich nach dem Studium ins Ausland. Man kann in der Forschung einfach nichts werden in Deutschland, als Frau.”

Ich brauche keine Quote

Es ist uncool, immer noch Gleichberechtigung zu fordern, wo Frauen doch inzwischen quasi die Welt übernommen haben. Sie fahren Auto, reiten Pferde mit gespreizten Beinen, sind Bundeskanzlerin, besser in der Schule und hübscher anzusehen. Wer sich wirklich als gleichberechtigte Frau wahrnimmt, will keine Sonderbehandlung. Ich kann alles erreichen, was ich will, auch ohne Genderquatsch. Wie wollen diese frustrierten Feministinnen denn mit solchen Ideologien und ihrem geballten Männerhass jemals einen Mann finden, der ihnen Geld zum Schuhkauf gibt und ab und zu mal seinen mickrigen Penis in sie einführt, um mickrige Nachkommen zu zeugen, für die man Schuhe kaufen kann?

Warte ab bis zum ersten Tag, an dem du auf der Arbeit einen Kosenamen bekommst, der dich herabsetzt. Warte ab bis zur ersten Absage, die eigentlich lauten sollte: “Die Gefahr, dass Sie in den nächsten fünf Jahren ein Kind rauspressen und für längere Zeit keine bedeutende Produktivkraft sind, ist uns zu groß.” Warte ab bis du zum ersten Mal als weniger qualifiziert abgestempelt wirst, bis du angefasst wirst weil sich jemand durch die Präsenz deiner Brüste dazu berechtigt fühlt, bis Menschen dir Dinge nicht zutrauen, bis jemand dich übers Ohr haut, weil du eine Vagina hast. Unsere Rollenbilder sind Konstrukte, aber sie sind vorhanden und so schnell gehen sie nicht mehr weg. Männlich und weiblich sind Kategorien die (leider) bedeutsamer sind als braun- und blondhaarig.

Macht euch nicht unbeliebt

Dass gendergerechte Sprache für Aufregung und Unverständnis sorgt und deshalb möglichst unterlassen werden sollte, weil es den Emanzipationsgedanken in ein schlechtes Licht rückt, ist Bullshit. Die Juden sind nicht Schuld am Antisemitismus, die Muslime sind nicht Schuld an Pegida – Idioten sind Schuld an Idioterie.

Wir haben größere Probleme

1918 wurde das Wahlrecht für Frauen in Deutschland eingeführt. Man hatte soeben den ersten Weltkrieg hinter sich, fast eine Million Menschen waren am Hungertod gestorben, es gab in großen Teilen der Welt weder Strom, fließend Wasser noch Internet. Bestimmt hat damals auch jemand das Argument vorgebracht, man habe doch nun größere Probleme als die Gleichberechtigung dieser verkackten Emanzen. Und trotzdem wurde sie durchgesetzt, weil es immer größere Probleme geben wird, weil Menschen problematische Wesen sind.

Einfach mal richtig durchnehmen

Die Cis-Männer, die sich eine Matratzenunterlage für die nächtlichen Angstnässungen zulegen mussten, weil Frauen auf einmal zur realen Konkurrenz werden, tun mir Leid.  Der Hass in euch entspringt keiner tatsächlich ernstzunehmenden Ansicht. Es ist nur Angst. Angst vor Entwicklung, vor Konkurrenz, vor der Bedrohung einer Sphäre, die eure alleinige war. Diese Wut, diese Angst, das alles spricht aus euren Witzen (muss es dann demnächst Salzstreuerinnen heißen hahaha), deren Klang so verzweifelt nachhallt wie das Jaulen eines Hundes, den man in die Klöten geschossen hat. Ähnliche Witze hat man zum Beispiel über die Gastarbeiter_innen gemacht, immer wieder die Lächerlichkeit betont, die Unnötigkeit dieser Menschen und sich so über die eigene Existenzangst erhoben.

Ich bin weiblich sozialisiert, ich trage gerne Kleider, weil ich Hosen unbequem finde, ich habe mit ausreichender Häufigkeit Sex von guter Qualität, den ich genieße. Aber ich definiere mich nicht darüber. Ich bin nicht zuerst eine Frau, ich habe mit anderen Frauen nichts gemeinsam außer vielleicht ein paar Organe und wenn ich mir das anschaue, was im Netz als Antifeminist_in verkehrt, bin ich froh darüber. Aber wenn ich in einer Debatte zuerst auf mein Geschlechtsteil und dann auf meine Argumente angesprochen werde, dann ist der Diskurs falsch eingerichtet. Wenn es Menschen gibt, die sich so bedroht fühlen von anderen Menschen, dass sie sich im Internet zu Männerrechtlerforengruppen zusammenschließen und Feminist_innen beleidigen, warum traut sich dann noch irgendjemand zu sagen, alles sei okay?

Bei der Debatte um gendergerechte Sprache geht es nicht um die Verschandelung unserer schönen deutschen Mundart, es geht nicht um verkomplizierte Ausdrucksweise und politische Korrektheit. Es geht darum, dass Feminismus immer nur so weit tolerabel ist, wie er nicht störend auffällt. Wenn eine einzige Frau alleine Chefin wird, dann ist das okay, wir können damit leben. Wenn auf einmal alle Frauen auch nur die Möglichkeit dazu wollen, dann ist das eine Debatte. Wenn ich Studenten schreibe und trotzdem Weibsen mit mir im Seminar sitzen, dann stören die nicht, riechen meist auch besser. Aber wenn ich Studierende oder gar Student_innen schreiben muss, also aus Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten anderer meine Wurstfinger ein Stück weiter über die Tastatur schieben soll als gehabt, dann ist das ein Grund zur Panik.