Die Einundzwanzigjährige, die zum Yogakurs ging und schnell wieder verschwand

by Anna Mayr

Ich bin die unsportlichste Person, die ich kenne. Wenn ich eine Wasserflasche öffnen will, brauche ich häufig Hilfe. Wenn ich eine halbe Stunde Rad fahre, fühlt sich das an wie anderthalb Stunden Strecksprung. Nach zehn Minuten joggen spaziere ich mit hängenden Schultern nach Hause und hake Bewegung für mindestens zwei Jahre ab. Und ja: ich wurde in der Schule immer zuletzt gewählt.

Ich sehe nicht die Notwendigkeit, mich anzustrengen. Warum macht es Menschen glücklich, ein Mannschaftsspiel zu gewinnen? Oder etwa: Muskeln aufzubauen? Ich finde Mannschaftsspiele irrelevant, Muskeln einschüchternd. Aber inzwischen vertrete ich diese Haltung so lange, dass es anfängt, weh zu tun. Ich habe die Kondition einer 75-Jährigen und das Immunsystem eines Säuglings. Und manchmal bin ich so schwächlich, dass ich nicht mal mich selbst tragen kann – das ist nicht metaphysisch gemeint.

Mein ich in 10 Jahren

Yoga ist ein Hype-Sport. Alle wollen das “auch schon immer mal probiert” haben. Oder haben es schon und machen jetzt darauf aufbauend eine Ausbildung zum Yoga-Guru. So reproduziert sich dieser Sport wie ein Virus – weil so viele Menschen Yoga anfangen, gibt es sehr viele Anfängerkurse. 90% der Anfänger verlassen ihren Kurs niemals um nach Höherem zu streben, weil es mit Yoga ist, wie mit jedem Hype: es wird langweilig. Die übrigen 10% sehen sich mit einem mickrigen Kursangebot konfrontiert und müssen schließlich, wollen sie sich weiterentwickeln (was doch, so erzählte man mir, das Ziel von Sport ist), Yogalehrer_in werden. Man stelle sich vor, 10% der Kinder, die mit Fußball anfangen, strebten eine Trainerkarriere an.

Aber: Yoga ist nicht besonders anstrengend. Es gibt Ruhephasen. Es entspannt. Es trainiert den gesamten Körper. Man kann sich relativ hübsch dafür anziehen. Viele Übungen finden in sitzenden Haltungen statt. Niemand grölt, niemand versucht, zu gewinnen. Eigentlich: mein Sport.

Ich suche mir ein Yogastudio, das genau fünf Minuten Fußweg von meinem Bett entfernt ist. Man muss sich ja nicht direkt komplett verausgaben. Die Frau am Empfang lässt mich Namen und Adresse auf einem Zettel eintragen, die Probestunde ist umsonst, den Newsletter abonniere ich vorsichtshalber nicht. Das Studio liegt in einem stinknormalen Kölner Mietshaus. Die Umkleidekabinen sind im zweiten Stock, die Übungsräume im dritten.

Ich werde nicht misstrauisch, als ich feststelle, dass die Damenumkleide keine Tür hat, nicht einmal ein läppisches Tuch oder so einen Vorhang aus bunten Perlen, die an längen Fäden hängen. Barfuß und in Sportklamotten hüpfe ich also die Treppen in den dritten Stock hinauf. Draußen regnet es, die Treppe ist nass, meine Füße werden kalt. Oben angekommen weiß ich nicht, wo ich hingehöre. Was tut man kurz vor Anfang einer Yogastunde? Niemand da, an den ich mich halten könnte. Ich sehe die Damentoilette und flüchte dorthin, denn dort kenne ich die Abläufe, daran kann ich mich halten. Auf dem Rand des Waschbeckens (das Bad ist grün gefliest) liegen verschiedene Edelsteine. Neben dem Waschbecken hängt ein kleines Post-It. Bestimmt so ein Zettel, auf dem die Putzenden unterschreiben, dass sie ihren Job erfolgreich erledigt haben. Nein. “Dienstplan Bad” steht da, darunter zwei komische Worte auf Altindisch oder dergleichen, eine Uhrzeit, ein Name. Muss irgendeine esoterische Zeremonie sein, die hier täglich zum exakten Zeitpunkt von jemandem durchgeführt wird. Was wäre so eine Toilettenschüssel auch ohne Ausräucherungsbeweihungsritualität im 24h-Takt. Yoga gone German.

Auf der Toilette kann ich nicht für immer bleiben. Ich schleiche mich auf Zehenspitzen wieder in den Flur und luge in einen kleinen Raum hinein. Ich kann zwei Frauen erkennen, die im Dunkeln zugedeckt auf dem Boden liegen. Okay. Da scheint ein Kurs noch nicht beendet zu sein. Diese Yogis lassen es eben langsam angehen. Erstmal: warten. “Zum ersten Mal da?” fragt eine grauhaarige Frau, die aus dem Nichts neben mir auftaucht. Ich nicke verstört. Sie zeigt auf ein Regal: “Nimm dir eine Decke, ein Kissen und eine Matte”, raunt sie, nimmt sich genannte drei Dinge und legt sich ins Dunkle. Ich rejustiere: der Kurs fängt gleich an, die Teilnehmerinnen schlafen nur vorher eine Runde, quasi als Ausgleich zur Anstrengung danach. Gefällt mir.

Ich breite meine Matte in ausreichend Abstand zu einem kleinen Altar aus. Bin aber nicht müde. Also sitze ich erstmal ein bisschen auf der Matte. Immer mehr Frauen betreten den Raum, legen sich hin. Schlafen. Ich lächle jede an, die hereinkommt, auf der Suche nach einem freundlichen Blick, ein wenig Konversation. Vielleicht möchte ja jemand mit mir über die Schlafmützen lachen? Niemand.

Eine Frau in einem weißen Anzug betritt den Raum. Sie sieht aus als besäße sie ein Reihenhaus in Köln-Poll. Das Licht schaltet sie nicht an, nur zwei Kerzen, Yoga scheint mir prinzipiell ein schlecht ausgeleuchteter Sport zu sein. Sie begrüßt die Gruppe, fragt, wer neu dabei ist. Außer mir noch zwei andere Frauen, beide mit Yogaerfahrung.

Or not.

Die Stunde beginnt mit zwanzig Minuten Meditation. Es wäre auch fatal, die ganzen entspannten Menschen so abrupt aus ihrer Entspannung zu reißen, deshalb erstmal: noch mehr Entspannung. Doch auch als wir beginnen, uns zu bewegen, habe ich das Gefühl: da wäre noch mehr rauszuholen. Also, bewegungsmäßig. Die meisten Übungen finden im Liegen statt. Dehnübungen werden sehr lange gehalten, während die weiße Frau auf einer kleinen Orgel Lieder spielt und dazu Walgesänge mimt. Mein Rücken tut weh. Ich will nach Hause. “Wir beginnen diese Übung mit drei Oms und drei Shantis” sagt die weiße Frau. Auf einmal fangen die Menschen an, in Zungen zu sprechen und zu singen. Die drei Frauen gegenüber von mir sind sehr textsicher, eine ältere Dame neben mir singt immer nur am Ende der Strophe sehr laut und eindringlich mit, wenn der Text von ominöser Yogasprache ins Deutsche wechselt: “FRIIIIEEEEEDEN, FRIIIIIEEDEN.” Das Om beim Yoga fühlt sich für mich an wie das Amen in der Kirche: ich glaube nicht dran.

In der Anfängerstunde wird das flüssige Beherrschen des Sonnengrußes vorausgesetzt. Mit jedem OM der weißen Frau muss die Position gewechselt werden. OM hinabschauender Hund OM Bein vor OM Schlange OM Anna macht immer noch den Hund OM atmen vergessen OM ausversehen ausgeatmet als die weiße Frau einatmen befohlen hat.

Ich warte lange auf den sportlichen Teil der Stunde. Er kommt nicht. “Zieht eure Beine zum Bauch heran und rollt nach rechts und links, spürt die Massage des Rückens…” Die Friedensfrau neben mir schnauft vor Verausgabung. “Fühlt, wie der Boden euch trägt…” Tragenden Boden zu haben, das kann nicht jeder von sich behaupten. Leute in Erdbebengebieten zum Beispiel. Oder Leute auf sinkenden Schiffen. Astronauten. Ich bin abgelenkt. “Wir kommen noch einmal in den Vierfüßlerstand…” Die Friedensfrau pupst laut.

Nach einer Stunde, in der ich mich weniger bewegt habe als während einer durchschnittlichen Germanistikvorlesung, folgt erneut – Überraschung – eine Meditationsphase. “Friiiieden, ich wünsche mir Frieden für alle Lebewesen in allen Welten” – die weiße Frau ist auf Hochtouren. “Hinterkopf entspannt, Zunge entspannt, alle Gesichtsmuskeln sind entspannt, die Haarwurzeln sind entspannt…” Nach und nach beschwört sie alle Teile unserer Körper zur Entspannung. Naja, nicht alle. Innere Organe, Zähne, Fingernägel und Fußnägel sind nicht entspannt. Auch Genitalien werden zumindest nicht erwähnt, vielleicht kommt das erst im Fortgeschrittenenkurs. Trotzdem liegen jetzt erstmal wieder alle superentspannt auf dem Rücken rum. Es ist ganz still. Das Handy der Friedensfrau klingelt. “Genieße dieses Schavassana nun für fünf Minuten…” Noch nie haben sich fünf Minuten so lang angefühlt wie in diesem Shavanendingsbums. Ich bin so unentspannt wie noch nie zuvor in meinem Leben. Warum bist du nicht gerannt, Anna, als dir die Räucherstäbchenschwaden im Hausflur die Sicht vernebelten? Warum bist du nicht misstrauisch geworden, als du den Altar gesehen hast? Warum ist es so dunkel? Soll ich noch mal herkommen, um diese anderthalb Stunden auf Tonband aufzunehmen? Wäre mir das zehn Euro wert? Wie ließe sich die beste Soundqualität erzielen? Wäre mir das meine Zeit wert? Die Friedensfrau liegt inzwischen wieder leise röchelnd neben mir. Gaannz entspannt.

Nach der ganzen Entspannung erstmal ein bisschen Entspannung.

Erwache nun aus dem Schavassana. Ich renne. Ich bin die erste in der Umkleide. Aber ich ziehe mich nicht um obwohl es draußen Minusgrade hat, ich flüchte. Ohne zurückzublicken. Im Hausflur kommt mir ein Mann entgegen, der in dem Mietshaus unter dem Yogastudio zu wohnen scheint. “Es tut mir so Leid, mit was für Menschen du dir die Wasserleitungen teilen musst” will ich sagen und “denk bitte nicht, dass ich eine von den Verrückten aus dem Yogakurs bin” – aber meine Leggins und mein entspanntes Gesicht enttarnen mich sowieso direkt.